Ich beurteile keine fremden Songs – aber ich verrate meinen Cola-Code

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Heinz Martin vor 1 Stunde
#265
16:9-Newskachel: modernes Musikstudio, Person vor Monitoren mit mehreren Songversionen, Headline 'Ich beurteile keine fremden Songs', Subline 'aber ich verrate meinen Cola-Code', Sticker 'Workflow statt Wertung', neonfarbene Regenbogen-Akzente.
# Ich beurteile keine fremden Songs – aber ich verrate meinen Cola-Code Ich bekomme immer wieder Nachrichten von Musikerinnen und Musikern, die mir ihre Songs schicken und fragen: **„Wie findest du den?“** Meine Antwort ist freundlich, aber klar: **Ich beurteile grundsätzlich keine fremden Songs.** Der Grund ist einfach: Musik ist subjektiv. Jeder Künstler entwickelt mit der Zeit eine eigene Handschrift. Wenn ich also einen fremden Song „bewerte“, höre ich ihn automatisch durch die Brille meines eigenen Geschmacks. Das ist keine neutrale Jury. Es ist immer auch ein Vergleich mit dem, was **ich selbst anders machen würde**. Genau deshalb halte ich es für sinnvoller, keine Noten zu verteilen, sondern offen zu zeigen, **wie ich persönlich arbeiten würde, wenn ich einen Song veröffentlichen wollte.** --- ## Künstler sind keine objektiven Prüfer Das gilt nicht nur heute. Auch große Künstler waren selten neutrale Bewerter füreinander. Ein bekanntes Beispiel sind **Henri Matisse und Pablo Picasso**: zwei Ausnahmekünstler, die einander beobachteten, beeinflussten und herausforderten. Sie waren Maßstab füreinander – aber eben keine unparteiische Bewertungsstelle. Genauso ist es bei Musik. Der eine möchte mehr Melodie. Der nächste mehr Kante. Der dritte mehr Humor. Der vierte weniger Wiederholung. Was davon ist richtig? Das lässt sich nicht objektiv beantworten. Deshalb sage ich lieber nicht einfach **„gut“ oder „schlecht“**, sondern zeige meinen eigenen Workflow. --- # Mein persönlicher Cola-Code Das hier ist mein eigener Arbeitsprozess. Keine Garantie auf einen Hit. Keine allgemeingültige Formel. Aber ein Weg, aus einer Idee Schritt für Schritt einen Song zu entwickeln, den ich am Ende selbst vertreten kann. --- ## 1. Den Text analysieren lassen Wenn ein Text bereits vorhanden ist, würde ich ihn zunächst komplett in ChatGPT eingeben. Nicht einfach mit der Aufforderung: **„Mach ihn besser.“** Sondern möglichst konkret. Zum Beispiel: > „Analysiere diesen Songtext für einen [Pop-Schlager mit leichtem Reggae-Beat]. Betrachte Hook, Sprachfluss, Wiedererkennungswert, Humor, Originalität und Viralität. Überarbeite den Text so, dass er eingängiger wird, ohne austauschbar zu klingen. Liefere mir den optimierten Songtext sowie eine passende Beschreibung des idealen Musikstils.“ Wichtig ist für mich: **Dieses Ergebnis ist noch kein fertiger Song.** Es ist Rohmaterial. --- ## 2. Erst einmal nur eine Version erzeugen Danach würde ich zunächst **nur eine einzige Version** generieren. Und die höre ich mir komplett an. Nicht nur die ersten 20 oder 30 Sekunden. Sondern wirklich: **vom ersten bis zum letzten Ton.** Dabei achte ich auf alles, was sich für mich noch nicht richtig anfühlt: - einzelne Wörter, - Betonungen, - Reime, - Übergänge, - Wiederholungen, - Formulierungen, - Stellen, die zu glatt wirken, - Stellen, die schlicht nicht nach mir klingen. Dann öffne ich den Editor und verändere genau diese Stellen manuell. Manchmal ist es nur ein Wort. Manchmal eine Zeile. Manchmal ein kompletter Vers. Und genau dort beginnt für mich die eigentliche kreative Arbeit: **Die KI liefert Möglichkeiten. Die Entscheidung treffe ich.** --- ## 3. Hören – ändern – wieder hören Danach beginnt die Schleife: **Hören → ändern → neu erzeugen → wieder hören.** Und zwar so lange, bis Text und Grundidee für mich wirklich funktionieren. Nicht „perfekt für die Welt“. Sondern: **stimmig für mich.** --- ## 4. Erst jetzt mehrere Varianten erzeugen Wenn ich das Gefühl habe, dass Text und Stil grundsätzlich sitzen, erzeuge ich mehrere Versionen. Zum Beispiel fünf. Versionen, die mir besonders gefallen, markiere ich mit einem **Daumen hoch**, damit ich sie später schnell wiederfinde. Danach beginne ich gezielt, einzelne Stellschrauben zu verändern: - Musikstil, - Instrumente, - Stimmcharakter, - ausgeschlossene Instrumente, - Tempo, - Arrangement, - Duett-Ideen, - Live-Charakter, - einzelne Wörter, - kleine Textpassagen. Dabei gilt für mich eine wichtige Regel: **Nicht alles gleichzeitig verändern.** Wenn ich fünf Dinge gleichzeitig ändere und das Ergebnis plötzlich besser ist, weiß ich anschließend nicht, **welche Änderung den Unterschied gemacht hat**. Deshalb lieber gezielt verändern, hören und sich merken, was passiert. --- ## 5. Favoriten sammeln – und danach wieder aussortieren Nach einiger Zeit habe ich oft mehrere Versionen mit einem Daumen hoch markiert. Dann höre ich nur noch diese Auswahl. Und genau hier zeigt sich, wie wichtig zeitlicher Abstand ist. Ein Song, den ich gestern noch großartig fand, kann heute plötzlich nach zehn Sekunden rausfliegen. Vielleicht nervt mich plötzlich ein Übergang. Vielleicht klingt eine Betonung doch nicht richtig. Vielleicht stört mich eine Stelle, die mir gestern überhaupt nicht aufgefallen ist. Dann: **Daumen weg. Nächster Song.** So reduziert sich die Auswahl bei mir häufig irgendwann auf zwei oder drei Favoriten. --- ## 6. Über die Entscheidung schlafen Wenn zwei Versionen sehr eng beieinanderliegen, entscheide ich nicht sofort. Ich höre sie an unterschiedlichen Tagen und möglichst auch in normalen Alltagssituationen: - im Auto, - unterwegs, - zwischendurch, - mit Kopfhörern, - über Lautsprecher. Der eigene Höreindruck ist erstaunlich tagesabhängig. Deshalb: **Mindestens einmal darüber schlafen.** Oft kristallisiert sich danach sehr schnell ein Favorit heraus. --- ## 7. Die Community als Zusatzsignal nutzen Wenn ich selbst überhaupt nicht weiterkomme, kann die eigene Community helfen. Dann stelle ich beispielsweise zwei Versionen gegeneinander und beobachte die Reaktionen. Das ist natürlich keine wissenschaftliche Studie. Aber es ist ein interessantes zusätzliches Signal. Wenn eine Version beispielsweise deutlich mehr positive Reaktionen bekommt als die andere, weiß ich zumindest: **Diese Variante erreicht meine eigene Zielgruppe offenbar besser.** Die Community trifft für mich aber nicht die endgültige Entscheidung. Sie liefert einen zusätzlichen Messwert. --- ## 8. Vor dem Release: den Song noch einmal komplett kontrollieren Das ist für mich inzwischen einer der wichtigsten Punkte überhaupt: **Die finale Exportdatei noch einmal komplett von Anfang bis Ende anhören.** Und ich meine wirklich die Datei, die anschließend veröffentlicht werden soll. Warum? Weil ich genau hier selbst schon Fehler gemacht habe. ### „Stress, Oje, Oje“ Bei diesem Song hatte ich den Exportbereich in Cubase zu kurz gesetzt. Das Ende des Songs wurde dadurch nicht vollständig exportiert. Es fehlen ungefähr zehn Sekunden. Der Song bricht am Ende hörbar ab. Ich hatte die fertige Exportdatei vorher nicht noch einmal vollständig kontrolliert. ### „Tschau Kakao“ Bei „Tschau Kakao“ wird heruntergezählt: **drei Kaffeebohnen, zwei Kaffeebohnen …** und danach heißt es tatsächlich: **„ein Kaffeebohnen“.** Ein kleiner sprachlicher Fehler – aber genau die Art Fehler, die einen später unglaublich ärgert. Wenn man einen Song während der Produktion sehr oft gehört hat, hört das eigene Gehirn irgendwann teilweise das, **was eigentlich dort stehen sollte**, und nicht mehr unbedingt das, was tatsächlich vorhanden ist. Deshalb: **Vor Veröffentlichung immer noch einmal die endgültige Datei komplett anhören.** --- ## 9. Den Release nicht überstürzen Wenn der Song fertig ist, sollte er nicht zwingend morgen veröffentlicht werden. Ich plane lieber etwas Vorlauf ein. Gerade bei Spotify ist es sinnvoll, mindestens **sieben Tage vor Veröffentlichung** zu planen. Damit bleibt unter anderem Zeit für das Pitching über Spotify for Artists und die Berücksichtigung für den Release Radar. Ich muss allerdings selbst zugeben: **Diesen Schritt habe ich früher ebenfalls nicht konsequent genutzt.** Heute gehört er für mich zum Release-Prozess. --- ## 10. Ein guter Song allein reicht nicht Ein Song kann noch so gut sein: Wenn niemand weiß, dass er existiert, wird ihn auch kaum jemand hören. Deshalb halte ich den Aufbau einer eigenen Community für extrem wichtig. TikTok, Instagram, YouTube oder andere Plattformen sind dabei nicht einfach nur Werbeflächen. Sie geben Menschen die Möglichkeit, über längere Zeit zu verstehen: - Wer steckt hinter dieser Musik? - Welchen Stil macht dieser Künstler? - Welche Ideen kommen immer wieder? - Warum sollte ich auch den nächsten Song hören? Eine Community entsteht nicht in zwei Wochen. Man muss regelmäßig sichtbar sein, veröffentlichen, beobachten, lernen und weitermachen. Und vor allem: **Geduld haben.** --- # Was KI-Musik für mich wirklich bedeutet Wer mit KI Musik produziert, sollte sich meiner Meinung nach wirklich mit der Technik beschäftigen. Nicht nur mit der Frage: **„Welchen Prompt muss ich eingeben?“** Sondern beispielsweise auch mit: - Songstruktur, - Arrangement, - Textaufbau, - Hooks, - Stilbegriffen, - Instrumentierung, - Ausschlüssen, - Stimmen, - Mix, - Mastering, - Export, - Versionsverwaltung, - Community-Reaktionen. Je länger man damit arbeitet, desto besser versteht man, welche kleinen Veränderungen welche Wirkung erzeugen. Und genau dadurch entsteht irgendwann etwas sehr Wichtiges: **die eigene Handschrift.** --- # Mein Fazit Wenn mir jemand einen Song schickt, ist meine Zurückhaltung keine Ablehnung. Ich möchte einfach nicht derjenige sein, der ein fremdes Werk in **„gut“ oder „schlecht“** einteilt. Was ich stattdessen gerne teile, ist mein eigener Prozess. Denn für mich liegt die eigentliche Kunst bei KI-Musik nicht darin, einmal auf **„Generieren“** zu drücken. Sie liegt darin, **aus vielen Möglichkeiten die richtige auszuwählen,** **immer wieder zu verändern,** **genau hinzuhören,** **Fehler zu erkennen,** **Entscheidungen zu treffen** und einen Song so lange zu verfeinern, bis man irgendwann sagen kann: **Ja. Genau so wollte ich ihn haben.** Und erst dann: ## Bäm. Raus damit. --- ## Quellen und Hinweise **Spotify for Artists – Release Radar** https://support.spotify.com/de/artists/article/getting-music-on-release-radar/ **Spotify for Artists – Pitching unveröffentlichter Musik** https://support.spotify.com/sm-en/artists/article/pitching-music-and-videos-to-playlist-editors/ **Museum of Modern Art (MoMA) – Matisse / Picasso** https://www.moma.org/calendar/exhibitions/143 **Museum of Modern Art (MoMA) – Lifelong Frenemies: Henri Matisse and Pablo Picasso** https://www.moma.org/calendar/events/2112 **TikTok Newsroom – Bulletin Board** https://newsroom.tiktok.com/introducing-bulletin-board?lang=en-GB