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Musik
Neue Songs, Singles und Alben — frisch aus der Schnappnot-Werkstatt.

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Die Idee zu „Nicht klagen – MACHEN!“ entstand nicht aus einem einzelnen dramatischen Erlebnis, sondern aus einem Muster, das fast jeder aus seinem Alltag kennt: Heute läuft alles rund, morgen wird genau dieselbe Sache zum Problem. Geld kommt herein und verschwindet wieder, Liebe sorgt zunächst für Schmetterlinge und nimmt beim Gehen möglicherweise noch ein paar persönliche Dinge mit. Selbst das Wetter wechselt – nur Rechnungen und Montage zeigen eine erstaunliche Beständigkeit.
Aus diesen Gegensätzen entwickelten sich drei augenzwinkernde Lebensgesetze. Das erste besagt, dass nichts dauerhaft stehen bleibt. Das zweite beschreibt das ständige Auf und Ab: Steigen die Aktien, hält man sich kurz für ein Genie. Fallen sie wieder, möchte man sie am liebsten nie besessen haben. Das dritte Gesetz bildet den realistischen Kern des Songs: Nicht jede Entwicklung lässt sich kontrollieren, aber man kann entscheiden, wie man auf sie reagiert.
„Nicht klagen – MACHEN!“ behauptet deshalb nicht, dass sich jedes Problem mit guter Laune auflösen lässt. Der Song beschreibt vielmehr den Unterschied zwischen fehlender Kontrolle über äußere Ereignisse und dem eigenen nächsten Schritt. Man darf genervt, enttäuscht oder überfordert sein – nur dauerhaft stehen bleiben soll daraus möglichst nicht werden.
Musikalisch wird diese Idee bewusst leicht erzählt. Der entspannte Reggae-Rhythmus bildet den Gegenpol zu den alltäglichen Sorgen, während die gestotterten Wörter und Zwischenrufe aus einer Lebensweisheit einen mitsingbaren Schnappnot-Song machen.
So wurde aus schwankenden Aktien, verschwundener Kohle, unbeständiger Liebe und einem viel zu zuverlässigen Montag ein humorvolles Lied über Veränderung, Selbstironie und Bewegung. Kein großer Ratgeber – eher ein musikalischer Schubs mit der klaren Botschaft: Nicht nur reden, nicht herumstehen. Nicht klagen – machen.
„Ich wollte mit dem Song nicht behaupten, dass jedes Problem verschwindet, wenn man nur lächelt. Vieles im Leben kann man tatsächlich nicht kontrollieren. Aber man kann meistens noch entscheiden, was der nächste kleine Schritt sein soll. Und wenn man über das ganze Auf und Ab zwischendurch lachen kann, verliert selbst der Montag ein bisschen von seiner Macht.“

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Der Teufel auf dem Saunaofen war handgroß, aus rotem Ton gebrannt, mit abgestoßenem linken Horn und einem Grinsen, das der Saunameister jeden Freitag frisch abstaubte. Fünfundzwanzig Leute saßen bereits auf den Bänken und warteten auf den Aufguss.
Zwei Becken weiter zog Schnappnot seine Bahnen. Vierundzwanzig Stück, bei zweiunddreißig Grad Luft, und niemand am Beckenrand zählte mit außer ihm selbst. Er zählte trotzdem laut, unter Wasser, was gurgelnd klang und ihn ungemein stolz machte.
Als er danach in die volle Sauna wankte, Knie weich, Ohren rauschend, sah er die Figur auf dem heißen Stein und beschloss, ihr etwas Geschäftliches mitzuteilen. Er hob die Hand wie bei einer förmlichen Absage, nannte Datum, Uhrzeit und Grund und erklärte dem Tonmännchen, dass der vereinbarte Termin von seiner Seite aus leider nicht zustande komme.
Die Bank lachte, der Aufguss zischte, Schnappnot verbeugte sich mit dem Rest seiner Kraft.
Dann drehte er sich zu den dampfenden Reihen: „Hat eigentlich jemand meine vierundzwanzig Bahnen mitgezählt?"

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Eine einzige Auskunft wollte Schnappnot an diesem Vormittag. Er zog einen Wartezettel und setzte sich in den Flur, während der Lautsprecher fremde Zahlen aufrief. Als er endlich drankam, prüfte man nur, ob die Tür nebenan zuständig sei; die Tür nebenan schickte ihn eine Etage höher, wo er längst gewesen war; der Schrank mit den Bögen blieb verschlossen, weil die Kollegin mit dem Schlüssel krank war.
Wütend werden ging nicht. Niemand wies ihn ab, man reichte ihn nur freundlich weiter. Beim vierten Mal hörte er das Muster: Frage, höfliche Absage, Verweis, immer derselbe Tonfall, immer im Takt der piependen Anzeige. Ein Wechselgesang, dachte er, und zählte die Verweise wie Schläge mit.
Als er halblaut zugab, kein Wort mehr zu begreifen, kam von drüben die freundliche Bestätigung: Ruf und Echo, fertig. Auf die Rückseite des Bogens kritzelte er die Amtswörter ineinander, bis sie sich reimten, ein Vordruck nur gegen einen zweiten, ein Nachweis über den fehlenden Nachweis. Nach Stunden war alles ausgefüllt und scheiterte an der Stiftfarbe.
Er ging ohne Stempel, dafür mit einem fertigen Wechselgesang.

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Der Wecker war noch nicht dran, als Schnappnot wach lag und beschloss, den Rest der Nacht nicht zu erzwingen. Er kippte das Fenster, kochte Kaffee und stand mit der warmen Tasse in der kühlen Küchenluft, während unten im Haus jemand Brot aus dem Ofen holte und die Straße erst zögernd anlief.
Dann kam sie dazu, Haar quer im Gesicht, verschlafen, und lächelte — und ihm wurde klar, dass er diesen Teil des Tages sonst jedes Mal wegarbeitet, ohne ihn überhaupt zu bemerken. Sie ließen sich Zeit, Schluck für Schluck. Der Himmel war grau, und sie lachten trotzdem. Draußen fuhr der erste Zug vorbei und legte Gold auf die Küchenwand, sie band im Flur die Schuhe, und er klopfte den Takt dazu auf den Kannendeckel: zwei Silben hoch, zwei zurück.
Erst hielt er es für ein Lied nur für sie beide. Aber der Gruß, den sein Großvater früher jedem Morgen entgegengerufen hatte, galt nie nur einem. Also drehte er die Zeilen nach draußen, zu allen, die gerade genauso müde in ihre Küchen stolperten.

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Dass Schnappnot am Abend des Vereinsfests Stroh in beiden Schuhen hatte und eine Melodie im Kopf, lag an einem Handschlag von halb vier.
Bis dahin hatte Frau Kettler, dreiundachtzig, den kleinen Hof allein betrieben: vier Strohballen, ein Weidezaunband, ein Pony namens Kurti, mitten auf dem Rasen neben der Eckfahne. Sie wollte Kaffee holen. Schnappnot sagte zu und bekam eine laminierte Karte, eine Stoppuhr und die Ansage, dass Übergaben protokolliert würden.
Kurti hielt sich an nichts davon. Er stellte sich quer, knabberte an Schnappnots Ärmel und stampfte so gleichmäßig in die Späne, dass daraus ein Rhythmus wurde, dem Schnappnot zwei Stunden lang zuhörte, weil er versprochen hatte zu bleiben.
Frau Kettler kam zurück, prüfte die Stoppuhr, trug Minute und Sekunde in ein Schulheft, zweimal unterstrichen. Ordnung sei kein Spaß, sagte sie. Dann schob sie dem Pony ein halbes Brötchen zu und schrieb nichts auf.
Dann stand sie vom Klappstuhl auf, hakte sich ins Halfter und führte Kurti Runde um Runde über die Aschenbahn, ohne auf die Uhr zu sehen.

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„In welchem Saal hing noch mal das Bild mit dem grünen Boot?" Schnappnot fragte das nicht die Aufsicht, sondern sich selbst; er wollte den Nachmittag zurückholen, an dem vor genau diesem Bild eine Stimme eine Viertelstunde lang geredet hatte, ohne dass hinterher jemand wusste, worum es ging.
Seine Schwester Ulla reichte ihm einen Audioguide. Die Aufnahme nahm Anlauf, bog zweimal ab, kehrte mit zwei lateinischen Wörtern zurück und ließ das Boot links liegen. Schnappnot zog den Kopfhörer vom Ohr und hielt ihn Ulla hin. Sie hörte drei Sekunden zu und hob die Schultern. Genau dieses Schulterzucken hatte er gesucht.
„Ich erkläre dir in zwanzig Sekunden, worum es hier geht", versprach er. Er brauchte vier Minuten, zwei Umwege über die Nachbarwand, eine Zwischenfrage an sich selbst und das Wort „Bildraumtiefe". Ulla tippte auf ihre Armbanduhr. Schnappnot verstummte mitten im Nebensatz und prustete los, bis der alte Ärger zwischen zwei Vitrinen in lauter Unsinnssilben zerfiel.
Ulla hängte ihm den Kopfhörer zurück ans Ohr, und die Stimme darin setzte irgendwo in der Mitte wieder an.

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Die ursprüngliche Idee zu diesem Text entstand bereits während eines Urlaubs im Jahr 2022. Meine Kinder saßen gerade am Handy, als sich ein alter Freund mit mir über das heutige Nutzungs- und Suchtverhalten unterhielt. Er kommentierte das Ganze ironisch mit: „Spielt doch mal wieder Cowboy und Indianer.“ Heute würde man natürlich von indigenen Völkern sprechen.
Mir fiel dabei sofort mein eigenes Lieblingsspiel aus der Kindheit ein: Verstecken. Und natürlich kam mir direkt der bekannte Reim „Eins, zwei, drei, vier Eckstein“ in den Kopf. Die Unterschiede zwischen unserer Kindheit und dem heutigen Aufwachsen mit Smartphones waren uns allen ohnehin bewusst. Daraus habe ich zunächst meine zehn wichtigsten Gedanken, Erinnerungen sowie Vor- und Nachteile herausgearbeitet.
Diese Punkte gebe ich anschließend in eine Text-KI ein und lasse mir daraus eine einfache Grundstruktur erstellen. Danach beginnt jedoch erst die eigentliche kreative Arbeit: Ich überarbeite die Aussagen, bringe die Zeilen in eine passende Struktur, entwickle Reime, ändere Formulierungen und probiere unterschiedliche Abläufe aus.
Anschließend wird eine erste musikalische Version generiert. Ab diesem Moment beginnt das große Feintuning. Schon kleinste Veränderungen im Text können dazu führen, dass die Musik-KI die Melodie, die Betonung oder sogar den gesamten Aufbau des Songs verändert. Genau dieses gezielte Ausprobieren und Steuern ist für mich ein wesentlicher Teil der künstlerischen Arbeit.
Wie viel Zeit ich für einen Song benötige, kann ich deshalb kaum pauschal sagen. Teilweise erstelle ich mehrere Hundert Musikgenerierungen, bis mich eine Version wirklich packt. Am Ende speichere ich meistens etwa zehn bis zwanzig Favoriten in einer eigenen Playlist.
Dann beginnt das Aussieben. Ich höre diese Versionen immer wieder: im Auto, in der Bahn, in den Pausen, beim Putzen, auf der Toilette oder bei anderen alltäglichen Gelegenheiten. Dabei fallen mir nach und nach kleine Fehler, sprachliche Unebenheiten, unpassende Betonungen oder Stellen auf, an denen die Melodie für mich noch nicht richtig funktioniert.
Wenn ich schließlich meine drei persönlichen Favoriten herausgefiltert habe, schicke ich sie an einen kleinen Kreis von Testhörern aus Familie, Freundeskreis und Verwandtschaft. Von ihnen erhalte ich ein erstes ehrliches Feedback dazu, welche Version am stärksten wirkt, welche Melodie im Kopf bleibt und ob es noch Stellen gibt, die sprachlich oder musikalisch nicht rund erscheinen. Dieses Feedback fließt anschließend ebenfalls in meine endgültige Auswahl und weitere Überarbeitung ein.
Manchmal reicht danach eine kleine Textänderung, und ich kann mit der vorhandenen Melodie weiterarbeiten. Manchmal wird eine komplette Version verworfen. Es kommt sogar vor, dass ich mich nach drei bis sieben Tagen Probehören und dem Feedback meiner Testhörer noch einmal völlig umentscheide und mit neuen Generierungen fast von vorne beginne.
Aus dieser Arbeitsweise sind inzwischen auch mein neues KI-Portal und die von mir selbst entwickelten Musikkarten entstanden. Im Administrationsbereich wird für jeden Song eine eigene Dokumentationsakte angelegt. Diese ist mit einem zugriffsgeschützten Dokumentenarchiv verbunden.
Dort kann ich unter anderem Textfassungen, Bearbeitungsschritte und Screenshots meiner Arbeit in den verschiedenen KI-Systemen hinterlegen. Dadurch bleibt der komplette Entstehungsprozess eines Songs dokumentiert, sodass ich meine Arbeit auch Jahre später noch nachvollziehen und belegen kann.

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Am letzten Mittwoch im November war das Lied fertig, unten auf Ebene minus zwei, zwischen Stellplatz 40 und einer tropfenden Decke.
Kurz davor hatte der Beton den Refrain zweimal zurückgeworfen, und vierzehn Erwachsene, die einander nicht kannten, klopften den Offbeat auf Pappbecher, Motorhauben und ein Ersatzrad.
Davor hatte Schnappnot den Griff auf der Ukulele gefunden: Daumen abgedämpft, die Hand nur auf den Zwischenschlägen, dazu das Schlürfen der anderen als Bassfigur — dreimal probiert, beim vierten Mal saß es.
Davor knirschte die Handmühle. Jemand drehte, jemand reichte weiter, der heiße Sud lief durch den Filter, und der Duft stand so dick in der Tiefgarage, dass zwei Leute die Augen zumachten.
Und ganz am Anfang hatte der Wartungstrupp, der den Fahrstuhl wieder flottmachen sollte, seinen Werkzeugkoffer im Fahrstuhl stehen lassen. Die Wartenden schoben ihm Becher zu, hielten Taschenlampen und teilten Zucker.
Bis der Fahrstuhl wieder lief, waren es an diesem Morgen noch achtundvierzig Minuten.

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Der freie Tag war als großer Aufholtag geplant und stand schon vor dem ersten Kaffee quer: die Spülmaschine wieder voll, der Wäschekorb seit Tagen im Flur, der Staubsauger ausgepackt im Weg, dazu ein Handy, das alle paar Minuten summte, und ein Kalender, der Erinnerungen nachschob.
Schnappnot setzte sich kurz hin und blieb dann sitzen. Das schlechte Gewissen meldete sich mit dem Vorwurf, das habe er gestern genauso gemacht. Er drehte das Gerät mit dem Display nach unten. Es wurde still. Nichts brannte, niemand schrie, und die Welt drehte sich unbeeindruckt weiter.
Aus dieser folgenlosen Stille wurde die erste Zeile. Ihm fiel der brave Schulmerksatz vom Sofort-Erledigen ein, den er kurzerhand umdrehte, und der Reim aus Erledigen und Gelassenheit trug den ganzen Refrain.
Beim Ausbauen gab er jedem liegengebliebenen Ding sein eigenes Argument, stellte eine Gegenstimme daneben und ließ die Silben stolpern. In der Mitte wurde es ernst: Seit Wochen hatte er nur noch abgearbeitet, ohne dass etwas nachkam.
Abends stand der Staubsauger unverändert im Flur. Schnappnot ging an ihm vorbei, ohne sich zu entschuldigen.

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Für das Hoffest der Nachbarn hatte Schnappnot das Willkommensschild übernommen: Klebebuchstaben aus einem Set, das nicht nach Alphabet sortiert war, Pinzette, Klapptisch, Lichterkette, Musik aus einer Box.
Am selben Tisch stritten die anderen über die mitgebrachte Flasche, die einer von seiner Reise übers Meer angeschleppt hatte. Ob Whiskey mit E oder ohne, hänge daran, welches Land ihn brenne. Mitten in dieser Belehrung sprang ein E von der Pinzette und klickte in sein Glas.
Er ließ es liegen. Es drehte sich langsam im Bernsteinlicht, während der Flaschenbesitzer aufstand und einen Trinkspruch hielt, groß, auf Familie und auf Freiheit, und alle ernsthaft gerührt anstießen — wegen eines Getränks, das sich vom nächsten nur durch einen stummen Buchstaben unterschied.
Schnappnot fand beides gleichzeitig wahr: die Wärme der Runde und die Komik ihres Anlasses. Er klopfte den Takt an den Glasrand und sang, was in seinem Glas lag. Die Runde antwortete mit Zurufen, jemand hob die Papierfähnchen vom Grillstand.
Später kamen Sterne, Leuchtkäfer und der lange Sommerweg dazu — eine ganze Hymne auf einen einzigen Vokal.

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Zwei Currywürste später behauptete Schnappnot an der Imbissbude am Kanal, er kenne seine Mutter auswendig. Sie stellte eine einzige Frage — wie ihr erster Chef geheißen hatte — und er riet dreimal daneben. Ihr Lachen ging über den halben Vorplatz, und ihr trockenes „Und du willst über mich singen" schickte ihn ohne Pommes nach Hause.
Danach kam er donnerstags. Mit leeren Händen, weil sie ihm jede Geschichte zweimal erzählen musste, bis sie hielt. Über zwei Winter sammelte er, was zwischen Senf und Fritteusengeräusch anfiel: das Zimmer mit der schrägen Wand, das Fahrrad ohne Licht, der Abend, an dem sie aufhörte zu weinen und stattdessen kochte.
Fragte er, wie lange sie die Bude noch machen wolle, wischte sie die Hände an der Schürze, legte eine davon kurz auf seine und sagte, sie plane grundsätzlich nur bis Samstag. Dann bestellte sie ihm nach.
Die Melodie hatte er im Bus. Auswendig konnte er sie am Ende noch weniger als an jenem ersten Abend, und genau daraus ließ sich endlich etwas singen.

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Vier Takte Offbeat aus einem offenen Fenster, mehr bekam Schnappnot nicht mit; welches Lied dort lief, wusste er nie.
Der Rest des Tages gehörte diesen vier Takten. Beim Zähneputzen klopfte er mit, an der Ampel, unter dem Tisch, und merkte es immer erst, wenn ihn jemand ansah. Er ärgerte sich, dass ein fremder Fetzen Musik einfach bei ihm einzog, ohne zu fragen.
Nachts, im Dunkeln auf dem Rücken, kam der Takt von unten. Aus dem Zwischenraum zwischen Lattenrost und Boden, genau dem Ort, den er als Kind gemieden hatte. Da fiel ihm der Schreckgesell aus den alten Kinderversen wieder ein — nur wohnte der nicht mehr im Haus, sondern hinter seiner Stirn und trommelte von innen dagegen. Morgens anders als mittags, abends schief und quer.
Dann war er weg. Schnappnot summte, klopfte, bekam ihn nicht zurück, und die Stille war schlimmer als das Genervtsein. Erst da merkte er, dass ein alter Kinderschreck ihm ausgerechnet den Reggae beigebracht hatte.
Also schrieb er ihm ein Lied, damit er blieb — und gab ihn beim Refrain gleich weiter.

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Sechzehn Uhr zwanzig, und in der Küche stand ein Krieg um zwei Wörter.
Das Kind, sechs und mit Kakaorand, hatte die Mondspieluhr vom Fensterbrett geholt, gedreht, bis sie klemmte, und wollte sich trotzdem nicht hinlegen. Schnappnot deckte die Bank mit einer Decke und sagte aus alter Gewohnheit den Gruß, der beides zusammenbindet: guten Abend, gute Nacht.
„Falsch", sagte das Kind. „Die Sonne ist noch da."
Schnappnot bot Verhandlungen an. Guten Spätnachmittag? Abgelehnt. Rollladen halb runter, damit die Behauptung wenigstens stimmt? Abgelehnt, aus Prinzip. Zwanzig Minuten lang verteidigte ein Sechsjähriger die Tageszeit wie eine Grenze.
Dann sagte Schnappnot, so schlimm sei Dunkelheit doch nicht, und die Ohren des Kindes wurden rot. Es ging nie um Uhrzeiten.
Also entschuldigte er sich, wie er es konnte: Er nahm die klemmende Spieluhr, sang die Melodie da weiter, wo sie abbrach, klopfte einen weichen Takt gegen das Tischbein und legte beide Grüße untereinander, einen für hell, einen für dunkel.
Das Kind hörte lange zu. Dann fragte es, ohne die Augen aufzumachen: „Und wer passt auf, wenn ich sie zumache?"

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„Ich schreibe jetzt ein Frühstückslied, und zwar allein", sagte Schnappnot, und das mit dem Allein glaubte ich ihm sofort.
Wir warteten seit halb fünf im Flur der Station drei, gut zwanzig Angehörige auf verschraubten Stühlen, jeder mit einer Tür, hinter der jemand schlief. Um Viertel nach sechs rollte der Frühstückswagen aus dem Aufzug, und der ganze Gang roch nach Filterkaffee und warmen Brötchen. Schnappnot nahm sich ein Marmeladentöpfchen, drehte es zwischen den Fingern und begann, mit dem Deckel gegen das Geländer zu klopfen. Erst zwei Silben. Dann drei.
Nach der dritten Runde sang die Frau neben mir mit, dann der Pfleger, dann die halbe Etage. Man muss dazusagen: In einem Krankenhausflur um sechs Uhr singt normalerweise niemand. Schnappnot fand das nicht weiter erwähnenswert, er meinte nur, das Blech trage gut.
Als der Wagen weiterrollte, hielten dreißig Leute ein Brötchen in der Hand und keiner biss ab. Allein war an diesem Morgen niemand mehr, er am allerwenigsten.

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Mit einer halb abgearbeiteten Aufgabenliste im Kopf und dem festen Vorsatz, nach zwanzig Minuten wieder zu verschwinden, stellte sich Schnappnot an den Rand eines Gartenfests am Wasser. Glas in der Hand, Schuhe an, Reggae-Anlage zu laut, alles zu fröhlich für seine Laune.
Dann verschätzte sich jemand an der Nebelmaschine. Die ganze Tanzfläche verschwand in dichtem weißem Dunst, und erst darin wurden die Lichter sichtbar, als würden sie durch die Nacht geworfen. Schnappnot wollte gerade gehen — und bemerkte, dass sein rechter Fuß seit zwei Liedern längst mitentschieden hatte, während sein Kopf noch bei Terminen war.
Diese Doppelbelichtung fand er so komisch, dass er sie behielt: Der Körper kippt früher um als der Verstand. Als eine Runde ihn heranwinkte, ging er hin, stand später barfuß im warmen Sand und wusste irgendwann nicht mehr, wie spät es war.
Am nächsten Vormittag schrieb er den Kehrreim als Begrüßung an genau den Gast, der er selbst gewesen war, setzte den zischenden Nebelstoß als Trenner hinter jede Strophe und stotterte die Silben so albern, wie die Nacht gewesen war.

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Die Thermoskanne war grün, verbeult und roch innen stärker nach Kaffee, als je Kaffee darin gewesen war.
Erster Anlauf: zwei Runden auf dem Waldlehrpfad, weil er beim Aufwachen beschlossen hatte, so etwas könne er noch. Zweiter Anlauf: Station sieben, Klimmzugstange, und hinter den Buchen schepperte aus einem Lautsprecher ein Offbeat, den niemand für ihn angemeldet hatte. Dritter Anlauf: bergauf, weil bergauf angeblich Kopfsache ist.
Auf einem Baumstumpf goss er sich mit zitternden Fingern ein und stellte fest, die Zwischenbetankung sei genehmigt: Bedarf offenkundig, Vorräte vorhanden, Widerspruchsfrist abgelaufen. Der Dampf zog ihm warm ins Gesicht. Vom Freibad her sagte eine Lautsprecherstimme etwas über Liegewiese und Schließzeit, dazwischen lief weiter dieser Takt, und irgendwo bellte ein Hund passend hinein.
Vierter Anlauf: Er lief die letzte Runde mit dem vollen Becher in der Hand, summte das Ding mit, das ihm seit Station sieben im Kopf saß, und verschüttete die Hälfte über sein Handgelenk. Bis zum Parkplatz hatte er die Melodie beisammen. Das Handgelenk war rot, die Kanne leer, und der Rückweg dauerte länger als der Hinweg.

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Am hinteren Ende der Festmeile, wo der Fettdampf der Imbissbude in die Papiergirlanden zog, hing eine emaillierte Tafel: zwei krakelig gepinselte Worte, Murphy's Law, darunter eine Kreidespalte voller Striche.
Schnappnot hatte einen dieser Tage gehabt, an denen alles glückte, und gab aus Übermut eine Runde für die ganze Bude aus. Der Wirt, weit über achtzig und trotzdem der Schnellste an der Fritteuse, zog die Augenbrauen hoch und griff nach der Kreide.
Der erste Strich kam, als die Zapfanlage nur Schaum lieferte. Der zweite, als das Kartengerät kein Netz fand. Der dritte, als Schnappnots Bargeld im Senfeimer landete. Beim vierten wollte er endlich sagen, wie gern er hier seit Jahren stehe — die Blaskapelle setzte ein und schluckte jedes Wort.
Vier Striche, ein Querstrich, dazu die Blechbläser: Schnappnot klopfte den Takt auf die Theke, brummte etwas Dreisilbiges dazu und tat, als hätte er nichts gesagt.
Der Alte wischte die Hand an der Schürze ab, setzte die Kreide an und wartete.

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Bevor Schnappnot an diesem Julinachmittag durch das Gartentor trat, war in der Laube längst alles bereit: eine summende Gefriertruhe, ein Küchenradio auf der Fensterbank, neun Wassereis in bunten Plastikschläuchen und Tante Ruth, die auf dem Klappstuhl saß und ihn seit Mai an sein Versprechen erinnerte.
Ein Lied zur Einweihung der Truhe, hatte sie verlangt, sonst gebe es keinen Kuchen. Also hielt Schnappnot vor dem Gerät eine Ansprache wie ein Werftdirektor, schwang statt einer Sektflasche ein steinhartes Waldmeistereis gegen die Kante und taufte die Truhe damit feierlich. Das Eis splitterte, roch nach Kindergeburtstag und klebte grün an seinen Fingern. Tante Ruth klatschte zweimal.
Dann fiel der Deckel zu, genau zwischen zwei Schläge aus dem Radio. Schnappnot horchte, ließ ihn noch einmal fallen, klopfte den Stiel dazu und war den ganzen Nachmittag unbescheiden stolz auf diesen einen versetzten Schlag, den außer ihm niemand bemerkte. Tante Ruth wippte trotzdem mit dem Fuß, während ihr die halbe Erdbeerkugel auf den Schuh tropfte.
Um 18 Uhr 12 lagen neun leere Hüllen in der Gießkanne.

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Am dreizehnten Juli trug Schnappnot einen Zweiertakt nach Hause, den er nicht bestellt hatte und der trotzdem drei Tage blieb.
Begonnen hatte es zehn nach sieben im Wartegang des Amtes, Nummer vierzehn. Neben ihm auf der Bank lag seine braune Mappe mit dem Gummiband, in der seit Wochen alles steckte, was ihn nachts wachhielt. Er klopfte ihr auf den Deckel und begrüßte sie freundlich, wie Gäste, die zu früh klingeln.
Der Mann am anderen Ende der Bank grüßte zurück, weil er sich gemeint fühlte. Schnappnot holte die Ukulele heraus. „Den Wechsel spiel ich blind", kündigte er an, schloss die Augen, griff und traf einen Akkord, den es nirgends gibt.
Er versuchte es im Sitzen, dazu ein Klopfen mit dem Absatz: zwei Schläge, dann zwei, ein Takt, wie man ihn rührt. Genau so hatte er ihn mit fünfzehn geübt, als Morgen noch keinem Termin gehörten. Der Griff saß nicht. Der Rhythmus umso besser.
Der Mann stand auf, weil seine Nummer aufgerufen wurde, und sagte: „Machen Sie das noch mal. Aber ohne die Ansage vorher."

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Der Wecker war auf halb sechs gestellt, die Liste lag seit dem Vorabend fertig auf dem Küchentisch. Dann blinkte das Handy sich durch die Erinnerungen, der Kalender war so voll, dass Schnappnot ihn nur noch schräg ansah, und der Staubsauger stand seit Tagen im Flur wie ein Vorwurf mit Kabel.
Aufgestanden ist er nicht. Er blieb liegen und verhandelte laut mit sich selbst, in zwei Stimmen, wie zwei Nachbarn über einen Zaun. Die eine trieb an, die andere antwortete gemütlich — und das lag am Radio nebenan, das etwas Versetztes spielte, immer knapp neben dem schweren Schlag. Jede Ermahnung fiel auf die Eins, jede Ausrede landete weich dahinter. Da merkte er: seine Trägheit schweigt nicht, sie hat Timing.
Beim Aufschreiben kippte der Witz. Wochenlang war er durchgelaufen, ohne dass jemand Halt gerufen hätte — außer der Stimme, über die er sich gerade lustig machte. Also gab er ihr den Bass, die Hausschuhe und das letzte Wort.

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Der Reggae lief leise, der Bong war noch warm, der Plan hieß: einmal um den Block. Weiter als bis zum Gartenzaun kam Schnappnot nicht. Der Lattenzaun hob und senkte sich im Rhythmus des Basses, seine Augen kamen von den ziehenden Wolken nicht mehr los, irgendwo lachte jemand.
Drinnen machte die Wohnung weiter. Der Kühlschrank brummte schief gegen den Bass, die Mikrowelle warf ihr Signal dazwischen, die Zimmerpflanze wippte im Luftzug, als hätte sie den Rhythmus verstanden. Schnappnot kicherte, versicherte dem leeren Raum, alles sei in Ordnung, und lieh den Dingen Sätze: der Kaktus grüßte höflich, der Duschvorhang redete ohne Punkt.
Beim Blick aufs Sofa erschrak er kurz, denn einen Moment lang hatte er geglaubt, es schaue zurück. Sein eigener Kopf meldete sich als Aufpasser und riet dringend zur Beherrschung. Schnappnot lachte und hielt sich an der banalsten Feststellung des Abends fest.
Am nächsten Tag ordnete er die Stimmen der Wohnung zu Strophen, schrieb das zähe Stottern seines Denkens mit und stellte den Zweizeiler voran, den ihm angeblich das Gerät auf dem Tisch vorgesagt hatte.

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Kurz vor Mitternacht stand ein alter Kumpel in der Tür, Schultern hoch, Kopf voll: redete schnell, sprang von Thema zu Thema, und alle zwei Minuten leuchtete sein Telefon auf dem Tisch auf.
Schnappnot versuchte es erst mit Vernunft. Jeder gut gemeinte Satz machte den anderen nur lauter. Also hörte er auf zu widersprechen, drehte die Anlage auf, bis der Boden mitzitterte, und nahm ihn mit raus auf den Balkon über den stillen Hinterhof.
Sie saßen einfach nebeneinander. Zwei Tassen Tee wurden kalt, weil niemand mehr auf die Uhr sah. Irgendwann drehte der Kumpel das Telefon um, ohne es zu erwähnen. Nach dem zweiten langen Zug rutschten seine Schultern von allein nach unten, das Reden wurde langsamer, unten schlief die Straße.
Schnappnot nickte mit und sagte halb in den Bass hinein einen Satz, der eher Einladung war als Rat — eine Anrede, die für jeden gepasst hätte, der so hereinkommt.
Am Tag darauf baute er genau diesen Puls nach: das Ausatmen, das Innehalten, das kleine Versprechen, dass wenigstens diese eine Nacht weich bleiben darf.

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Ein Kind in gelber Regenjacke zog den Strohhalm zum dritten Mal aus dem Kakaobecher und ließ ihn zurückgluckern, bevor Schnappnot überhaupt begriffen hatte, dass sein Anschluss gestrichen war.
An jenem Freitag galt alles gleichzeitig: Gleis vier war leer, die Anzeige versprach siebenundfünfzig Minuten und behauptete dieselbe Zahl alle zwei Minuten neu, der Automat gab ausschließlich Zimttee, die Bank war kalt, der Becher des Kindes war halb voll, und die Zeit lag da wie eingeschlafen.
Also blubberte Schnappnot zurück. Erst nur als Antwort, dann mit Regel: Das Kind übernahm die tiefen, langsamen Blasen, er die kurzen dazwischen. Sie legten Pausen fest, verwarfen zwei Varianten, probten die Übergabe, tauschten einmal die Stimmen. Vierzig Minuten Arbeit, zwei leergesaugte Becher und ein Kakaoring auf Schnappnots Ärmel ergaben am Ende eine einzige Zeile, die vollständig aus einem Geräusch bestand.
Sie wussten nicht, wie der andere hieß, und hielten trotzdem den Takt wie eine Band, die seit Jahren zusammenspielt.
Als der Ersatzzug einfuhr, hob das Kind den leeren Becher und fand, er sei viel zu früh gekommen.

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Zweihundertvierzig Klappstühle standen in der Turnhalle, und der Vereinsvorsitzende sagte ins Mikrofon, für das Sommerfest brauche man Musik, bei der niemand einschlafe — also nicht die von Schnappnot.
Schnappnot bedankte sich freundlich für die Einführung und stellte sich neben die Hallentafel, wo der Hausmeister täglich ein Holzschild umhängte; das breiteste, zwei zusammengeschraubte Bretter, trug die beiden freien Tage und kam erst freitagabends an den Haken.
Beim ersten Versuch rauschte das Mikrofon, und nur die vordere Reihe hörte etwas; Schnappnot bedankte sich beim Rauschen und begann von vorn. Beim zweiten johlte jemand von hinten, ihm wurde heiß im Gesicht, er bedankte sich auch dafür — und merkte mitten im Satz, dass er selbst lachte. Beim dritten nahm er das schwere Doppelschild vom Haken, hielt es hoch und klopfte den Takt darauf, während er die Wochentage der Reihe nach ausrief.
Zweihundertvierzig Leute klopften zurück, erst zaghaft, dann alle gleichzeitig.
Der Hausmeister schloss um halb zwölf ab; die beiden Bretter blieben am Haken hängen.

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„Der Saal wird jetzt gereinigt", sagte die Stimme aus der Decke zum dritten Mal, freundlich wie beim ersten Mal.
Schnappnot blieb sitzen. Er blieb immer sitzen, bis der letzte Name über die Leinwand gelaufen war, auch der des zweiten Beleuchters, auch der der Cateringfirma; daran war seit Jahren nicht zu rütteln, und keine Deckenstimme der Welt würde ihn dazu bringen, mitten in einer Danksagung aufzustehen.
Innen drin war es das erste Mal seit Montag ruhig. Die Woche hatte an ihm gezogen wie ein zu schwerer Rucksack, und jetzt fiel Riemen für Riemen ab. Er hatte sich fest vorgenommen, ein Lied zu bauen, das nach genau diesem Abfallen klang — laut, albern, mit zwei Wörtern darin, die niemand erklären kann.
Er probierte die beiden Unsinnswörter halblaut, erst das trällernde, dann das krachende. Der leere Saal warf sie ihm zurück, die rollenden L an die Leinwand, die gehämmerten Silben in die Sitzreihen; irgendwo hinter der Wand brummte ein Staubsauger im Takt mit.
Als der allerletzte Name verschwunden war, stand er auf.

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Der Ventilator lief seit dem Vormittag und schob nur lauwarme Luft von der Balkontür in die Küche. Schnappnots Hemd klebte am Rücken, unten flimmerte der Asphalt.
Also kapitulierte er freundlich: Limo aus dem Kühlschrank, Flipflops, Liegestuhl in den halben Schatten des Hinterhofs.
Zwei Balkone weiter schimpfte die alte Nachbarin über das Wetter, und zwar in den Ausrufen ihrer Großmutter — erst einer mit einer Palme darin, dann einer mit einer Waldfee. Schnappnot lachte so laut, dass sie zurücklachte und ihm zurief, er solle gefälligst tanzen statt zu liegen.
Er stand auf und merkte beim Gehen, was die Hitze aus ihm machte: Schritt, Pause, Schritt. Kein Stolpern, ein Takt — genau der schleppende aus seinen Reggae-Platten. Wer langsam genug geht, dachte er, den kann die Sonne nicht mehr ärgern.
Abends hängte er die Ausrufe der Nachbarin über diesen Takt, stellte das Zugeständnis ans Schwitzen neben die Weigerung, schlechte Laune zu kriegen, und ließ dazwischen die Sprache in Kinderquatsch zerfallen. Zum Denken war es zu warm, zum Grinsen genau richtig.

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Zählen Sie ruhig nach: zweiundzwanzig Tassen habe ich an dem Morgen ausgeschenkt, wichtig geworden ist nur eine.
Schnappnot kam als Erster ans Frühstückszelt, Kapuze bis zur Nase, und stellte sich neben meine blecherne Kaffeekanne. Ich führe den Ausschank auf diesem Campingplatz, seit achtzehn Jahren Rentnerin, davor vierzig Jahre Bauaufsicht, und das hört man mir an. Ich fragte ihn, ob er den Vorgang Heißgetränk mit oder ohne Milchbeigabe zu beantragen gedenke.
Er lachte kurz, dann bewegten sich seine Lippen, und es kam nichts. Ich kannte das schon. Der Termin am Nachmittag, den er seit Tagen halb so wild nannte, saß ihm quer im Hals.
Er hielt sich den Dampf ins Gesicht, blies über den Rand, verbrannte sich prompt die Oberlippe, und statt eines Satzes kam ein Brummen heraus, dann Silben, dann ein Singsang über das dunkle, viel zu heiße Zeug in seinen Händen. Der Löffel klapperte den Takt an der Kanne.
Ich bewilligte die zweite Tasse mündlich und ohne Widerspruchsfrist.
Um zwanzig nach sieben stand der Refrain.

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Im Materialraum des Kindergartens, hinter dem Bewegungsraum, zwischen Gymnastikreifen und einer Kiste Verkleidungskram, standen zwei Sandalen aus geflochtenem Bambus, steif wie Frühstücksbrettchen.
Der erste Anlauf war eine Frage. Rieke, die die Nachmittagsgruppe hatte und ihn seit Kindertagen kannte, sagte beim Aufräumen, sie wolle wissen, wo ihn der Schuh drücke. Schnappnot nahm das wörtlich, stieg hinein und meldete den Befund: linker kleiner Zeh, dritte Rille von außen, ein Drücken so hoch wie eine Flöte.
Der zweite Anlauf war ein Geräusch. Zwölf Schritte über Linoleum, und das Geflecht klapperte in einem Takt, den niemand bestellt hatte.
Der dritte Anlauf war reiner Übermut, weil der Tag gut gewesen war: Schnappnot hielt sich am Türrahmen fest, wippte und sang etwas Silbenhaftes dazu, das aus lauter Unsinn bestand und trotzdem stimmte. Rieke wippte zwei Takte mit, dann klemmte sie ihre Tasche unter den Arm und ging.
Er blieb, bis das Klappern von allein aufhörte. Es war still, es war leer, und es war auszuhalten.
Über der Garderobe brannte das Nachtlicht, und unter Haken sieben lag ein einzelner Bambushalm, quer.

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Nachdem er beim Ausräumen eines Kellers großspurig versprochen hatte, in diesem Jahr jeden Umzug im Bekanntenkreis mitzutragen, stand Schnappnot im März zum ersten Mal auf einem fremden Dachboden, zwischen Kisten, Staub und sechs Erwachsenen, die sich für stark hielten.
Damit das Schleppen in Schwung kam, erfand er ein Hebekommando: drei gleiche Jubelsilben, ein kurzes Hey obendrauf. Er rief es über den Sperrmüll, bis die Dachbalken mitschwangen, und es wirkte. Im April rief die halbe Runde mit. Im Mai rief sie auch dann, wenn niemand etwas hochhob.
Bis zum Sommer war aus dem Kommando ein Ritual geworden. Man traf sich in Abstellräumen, stellte Flaschen auf einen umgedrehten Karton, rief einmal gemeinsam — und dann redete jemand vierzig Minuten über Reifendruck. Schnappnot rechnete im August nach: vier Wohnungen versprochen, ein einziger Schrank tatsächlich bewegt, dafür ein Ruf, der ihm nachts im Ohr klebte.
Beim letzten Termin klopfte er gegen den unbewegten Schrank und sagte in die Runde: „Wir haben uns beim Tragen leider ein Lied gebaut."


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Wie genau hatte Großtante Meta gelacht, kurz bevor ihr die Wimperntusche den Hals runterlief?
Schnappnot suchte das seit acht Uhr, seit ein Anruf ihn sehr korrekt aufgefordert hatte, die Sache endlich mit dem nötigen Ernst zu behandeln. Aus Trotz: Kühlschranktür auf, Zimtglas geöffnet, Bass leise, drei Runden Küche im Rückwärtsgang. Die Erinnerung blieb weg.
Um Viertel nach elf klingelte der Ableser, ein fremder Mann mit Klemmbrett und Regenjacke, der zum Wasserzähler ins Bad musste. Zwischen Waschmaschine und Wanne kniete er sich hin.
Und dort, weil Schnappnot es nicht länger aushielt, machte er das alte Familienritual: Stirn an Stirn, bis drei zählen, wer zuerst zuckt, hat verloren. Der Mann mit dem Klemmbrett zählte tatsächlich mit.
Bei zwei brach er weg, mit genau diesem hohen Quietschen, Metas Quietschen. Beiden lief es warm über die Wangen, salzig, bis in die Mundwinkel, und die Tropfen fielen aufs Emaille.
Tock. Tock. Tock.

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Der freie Samstagnachmittag fängt damit an, dass die Spülmaschine seit gestern randvoll dasteht. Schnappnot dreht lieber den Bass hoch, setzt sich auf die Bank vor der Anlage und wippt mit. Der Hund baut sich an der Tür auf und schaut ihn auffordernd an, der Müllbeutel quillt über, der Kaffee ist längst kalt, die Rechnung hängt seit Tagen am Kühlschrank. Auf jede Erinnerung seiner Freundin antwortet er reflexartig mit demselben wegwerfenden Wort und einem Versprechen für gleich nachher.
Als sie ihm halb genervt, halb lachend bescheinigt, er sei nicht mehr ganz richtig im Kopf, grinst er breiter und lacht übertrieben böse dazu. Der Vorwurf gefällt ihm besser als jede Verteidigung.
Dann ruft sie aus der Küche, der Vorrat sei aufgebraucht. Er springt auf und protestiert lautstark, und dabei hört er sich selbst zu: den ganzen Nachmittag dieselbe Abfuhr, und ausgerechnet jetzt trägt sie nicht.
Abends baut er die Reihung nach, jede Forderung mit wechselndem Nachsatz weggeschoben, die Pointe ganz zum Schluss. Weil ihm beim Einsingen die erste Silbe hängenbleibt, macht er das Stottern kurzerhand zum Takt.

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Der Wecker hatte längst aufgegeben, als Schnappnot barfuß in die Küche schlurfte und die Maschine anwarf. Die Sonne stand schon voll im Fenster, im Flur schloss jemand eine Tür, und er nuschelte einen norddeutschen Gruß hinaus, der ihm auf halber Silbe wegrutschte und zweimal von vorn anfing, weil der Mund noch nicht wach war.
Das amüsierte ihn so, dass er ihn wiederholte — und merkte, dass er ihn inzwischen auf das Gluckern der Maschine legte. Sein Fuß klopfte auf den Fliesen mit. Beim ersten Schluck wurde aus dem Klopfen ein Wippen, aus dem Wippen etwas, das nur in seinem Kopf lief, und die Trägheit, die ihn eben noch im Bett gehalten hatte, war plötzlich der Takt selbst.
Auf dem Balkon nebenan wollte jemand verschlafen wissen, was hier eigentlich los sei. Schnappnot hob die Tasse und antwortete nicht.
Er nahm das Nuscheln noch am selben Vormittag auf, mit dem Schlürfen darin, und baute alles darum herum: die Ansage, dass heute nichts geleistet wird, und die Bedingung, dass vorher die Tasse leer sein muss. Herausgeschnitten wurde nichts.

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»Fertig«, sagte Schnappnot und ließ den letzten Kabelknoten an der Kiefer los. »Und jetzt rühre ich mich keinen Meter mehr.«
»Ein Lied«, sagte Mira zu Toni. »Eins. Dann trägst du den Korb zurück.«
»Zwei«, sagte Toni. »Aber ich bewege nur die Schultern.«
»Nur Schultern ist kein Handel.«
»Darf ich?« Schnappnot stand schon zwischen ihnen. »Das ist reine Technik. Ferse, Knie, Schulter.«
Der Bass setzte ein, und auf dem Lautsprechergitter hüpften die Kiefernnadeln im Takt.
»Man beginnt«, sagte Schnappnot, »mit einer kleinen Drehung aus dem —«
Er saß im Moos, bevor der Satz zu Ende war.
»Technik«, sagte Toni.
»Der Waldboden schwingt hier anders«, sagte Schnappnot. »Spürt ihr das nicht? Bis in die Sohlen. Der Knoten hält übrigens noch.«
Mira hielt Toni die Hand hin. Schnappnot sah den beiden zu, wie sie viel zu langsam wurden für die Musik, und dachte an jemanden, der weit weg genau diesen Takt im Ohr hatte.
»Du wolltest dich keinen Meter rühren«, rief Mira.
»Das«, sagte Schnappnot, dessen Fuß im Moos längst wieder wippte, »war vor dem ersten Ton.«

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Zweiundzwanzig Uhr zehn war das Lied fertig, gespielt auf dem Balkon gegen das Rauschen der Straße, Refrain zweimal, dann noch einmal leiser.
Eine Stunde davor hatte er noch am zweiten Vers geschoben, während aus den offenen Fenstern ringsum die Belege dafür hereinwehten: einer suchte seit zwanzig Minuten die Fernbedienung, einer ließ sich ein Kissen bringen, einer hustete so ausführlich, dass man an eine Abschiedsrede dachte.
Davor, am Nachmittag: vier Stunden, siebzehn Schrauben und ein Hochbeet, das am Ende weniger Erde fasste als die Obstkiste, die vorher dort gestanden hatte.
Und ganz am Anfang lag Schnappnot im Liegestuhl, Hals kratzig, Atmung etwas zu vernehmlich, als von unten aus dem Garten eine Frauenstimme kam, sachlich wie eine Durchsage: „Männer, oh Männer." Zwei Balkone weiter lachte jemand kurz. Er hielt dagegen, laut, mit einer Liste seiner Verdienste, und merkte mitten im dritten Punkt, dass er grinste.
Ob unten das Fenster noch offen stand, als er die erste Zeile ausprobierte, hat er nicht nachgesehen.

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Die Frau hinter der Imbisstheke quittierte jede Bestellung mit einem freundlichen „Okidoki", gleichmäßig, ohne jede Betonung. Schnappnot hatte Nummer dreiundsechzig, die Anzeige stand auf einundvierzig, und sie dachte nicht daran, sich zu bewegen. Um ihn herum drängte das ganze Straßenfest: Blechmusik vom anderen Ende des Platzes, Kinderwagen, Bierbecher, ein Hund, der einen Luftballon jagte.
Auf demselben Pflaster hatte er vor vielen Jahren zwischen Leuten gestanden, die er längst aus den Augen verloren hatte. Das tat nicht weh. Es war nur da, wie das Fett in der Luft.
Als die Gasflasche unter der Fritteuse anfing zu zischen und die halbe Schlange einen Schritt zurückwich, sagte die Frau nur wieder ihr „Okidoki", drehte den Regler zu und fragte den Nächsten nach Zwiebeln.
Da hörte Schnappnot es plötzlich als Takt. Bestellung, Okidoki, Bestellung, Okidoki. Bei Nummer neunundfünfzig wippte seine Schuhspitze mit, bei zweiundsechzig summte er.
Er nahm die Tüte, hob die Hand und schlenderte quer über den Platz davon.

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Vier Stunden Streit im Treppenhaus um eine Mülltonnenordnung, davor ein ganzer Tag Presslufthammer vor dem Fenster. Als die beiden Nachbarn ihn schließlich zum Schiedsrichter machen wollten, hob Schnappnot nur die Hand, ging nach oben und schloss die Wohnungstür. Seine Nerven trugen an diesem Abend kein weiteres höfliches Wort mehr.
Auf dem Balkon baute er sich in Ruhe die Bong, ließ einen trägen Beat so laut laufen, dass der Bass im Brustkorb saß, und nahm einen einzigen tiefen Zug. Das Wasser gluckerte dabei so dick und albern, dass es fast schon ein Instrument war. Und genau in dieser Sekunde hörte der Druck hinter der Stirn auf zu drücken.
Er lehnte sich zurück, blies eine kleine Wolke nach links, eine zweite nach rechts, und schaute dem Ärger von vorhin beim Wegziehen zu. Dabei hörte er sich selbst einen dämlich genüsslichen Laut machen. Zweimal, weil es so gut passte.
Kein Schiedsspruch, kein Sieg, kein Beifall: Er nahm das Gluckern, den Laut und den Beat genau in dieser Reihenfolge auf. Mehr wollte der Abend nicht von ihm.

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Hörte er seinen Namen zum zweiten Mal durch die nasse Fliesenluft, und rührte sich trotzdem nicht.
In der Kabine roch es nach Chlor und warmem Blech. Mirka stand irgendwo zwischen Reihe C und D und suchte ihn, und Schnappnot, barfuß, ein Bein noch in der Hose, dachte an die vier Monate Funkstille dazwischen, an den Geburtstag, an den er nicht gedacht hatte. Vier Monate, überschaubar, fand er. Andere schaffen Jahre.
Sagen konnte er nichts. Der Satz, den er brauchte, hatte keinen Anfang, jedenfalls keinen, der nicht sofort nach Ausrede geklungen hätte. Also gab er die einzige Auskunft ab, die ihm gehorchte: er summte, dann sang er, halblaut, ein paar Silben gegen die Kabinentür, und der geflieste Raum warf sie ihm doppelt zurück, als stünde jemand mit.
Unter der Tür lief ihm derweil eine Pfütze davon, quer über den Boden, bis vor ihre Füße.
Die Schritte hielten an. Er hörte sie lachen. Dann sagte sie: „Bleib ruhig noch drin. Ich setz mich hier auf die Bank."

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Der Stuhl ganz außen in der zweiten Reihe hatte ein zu kurzes Bein und knackte bei jeder Bewegung wie ein mürber Ast.
Schnappnot hatte den Verstärkerkoffer drei Treppen hochgetragen, weil der Aufzug abgeklebt war. Seine Waden brannten, der Puls schlug ihm bis hinter die Augen. Neben ihm eine Frau weit über achtzig, Handtasche auf den Knien, daneben ein Prospektständer, dessen oberstes Faltblatt ein einziges fettes Wort trug: Stress.
Beim ersten Sprung der Anzeige deutete sie auf drei heile Stühle. Er blieb sitzen. „Oje, oje", sagte sie.
Beim zweiten Sprung brachte ein Mitarbeiter einen Ersatzstuhl herüber. Schnappnot bedankte sich höflich und rührte sich keinen Zentimeter. „Oje, oje", sagte sie, deutlich lauter.
Beim dritten Sprung knackte das kurze Bein genau auf seinem Puls, und weil ihm ohnehin alles zu schwer war, wiegte er sich einfach mit. Die Frau hörte zwei Takte lang zu. Dann klopfte sie den Rest mit dem Taschenbügel dazu, und ihr drittes „Oje, oje" saß sauber auf der Eins.
Vor der Glastür drehte sich ein leerer Einkaufswagen einmal langsam um sich selbst.

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Der Nachmittag zog sich, als Schnappnot merkte, dass er den letzten Satz seines Gegenübers gar nicht mehr gehört hatte. Er nickte trotzdem, sagte etwas Zustimmendes, das nichts bedeutete, und schaute am grau flimmernden Bildschirm vorbei zur Wanduhr, die seit einer halben Ewigkeit auf derselben Minute stand. Der Automatenkaffee war kalt und schmeckte nur noch nach Vorschrift.
Wütend war er nicht, eher leergeräumt. Um ihn herum wurde weitergeredet, während sein Fuß unter dem Tisch einen schleppenden Offbeat klopfte, Fingerkuppe auf Tischkante, Stift auf Blockrand. Es war die einzige Melodie, die noch in seinen Kopf passte, und sie kannte nur eine Richtung.
Im Treppenhaus brummte er sie weiter, am Parkplatz auch. Der Satz, der sich dazulegte, war genau der, den er den ganzen Nachmittag hatte schlucken müssen.
Abends fiel die Wohnungstür ins Schloss, die Schultern rutschten runter, und was ihm stundenlang nur als vage Sehnsucht im Nacken gesessen hatte — Ruhe, ein langsamer Bass, ein Zug, der ihn Stück für Stück herausholt —, hatte auf einmal einen Takt. Den Rest schrieb er im Dunkeln, ohne die Jacke auszuziehen.

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Die Anlage stand auf Anschlag, das Bier auf dem Tresen war längst lauwarm, und Schnappnot hielt es auf seinem Hocker keine zwei Minuten aus. Er tigerte zwischen Eimerrunde und Bar hin und her, klebte im Neonlicht, zappelte, ohne dabei zu tanzen.
Eine Frau aus der Runde grinste ihn an und wollte wissen, was mit ihm los sei. Statt sich herauszureden, knallte er die derbste Erklärung hin, die ihm einfiel — unter der Gürtellinie, laut, und so ungeniert, dass der halbe Tresen wegkippte.
Der Spruch blieb hängen. Jemand rief die letzte Silbe zurück, ein anderer klopfte sie im Takt aufs Blech, und binnen zwei Minuten schrie die Runde die Betonung doppelt mit, als hätte sie das immer schon gekonnt. Aus seiner privaten Notlage war eine gemeinsame Entschuldigung geworden.
Am nächsten Mittag lag ihm das Echo noch im Schädel. Schnappnot brauchte nur noch einen stampfenden Vierteltakt darunter — die Bar, die Hitze und das Grinsen standen ja schon.

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Welche Ecke des Sportplatzes war es damals gewesen?
Erster Anlauf: nur einmal am Zaun entlanggehen, nichts anfassen, zehn Minuten. Zweiter Anlauf: doch über das Drehkreuz, weil das Tor quietschte und er niemanden wecken wollte. Dritter Anlauf: die Aschenbahn abschreiten, Schritt für Schritt, bis der Kalk der Mittellinie an seinen Schuhspitzen klebte. Vierter: hinlegen. Nur zur Kontrolle der Perspektive, wie er später behauptete.
Über dem Flutlichtmast stand der Mond so groß und ungerührt wie früher, und in der Pfütze vor dem Elfmeterpunkt lag er ein zweites Mal, zitternd, sobald Schnappnot den Fuß bewegte. Er redete sich ein, dass er nur wegen der Erinnerung fror. Nicht, weil ihn daheim seit Wochen niemand mehr so ansprach, dass es ihn wirklich meinte. Das sei ja nicht schlimm, sagte er halblaut in die Kälte, das sei ja normal.
Dann summte er, und das Summen wurde eine Zeile, und die Zeile wurde länger als geplant.
Die Ecke fand er nie — der Rest fand ihn.

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Ab dem ersten Montag im Februar übernahm Schnappnot in der Stadtteilbibliothek den Dienst, den zwei Ehrenamtliche seit einer Viertelstunde hin- und herschoben: Frau Kubon wollte tauschen, Herr Alfers wollte nicht, und beide sprachen das Wort Montag aus, als müsste man es desinfizieren. Schnappnot legte die Hand aufs Ausleihpult und nahm ihn.
Zur Wahrheit gehört, dass montags fast niemand kam. Vier Stunden Stille, die ihm allein gehörten — auszuhalten, wenn man Übung darin hat. Er stellte die Gitarre zwischen Reisen und Ratgeber und arbeitete an dem F-Griff, der ihn seit Jahren auslachte: Zeigefinger quer über alle Saiten, Schnarren, nochmal. Woche um Woche. Dazu hatte er sich eine Zeremonie angewöhnt: den Wochentag flüsternd buchstabieren, bei jedem Buchstaben schnippen, das F irgendwo zwischen T und A dazwischenschmuggeln, was im Lesesaal ungefähr so unauffällig wirkte wie ein Blasorchester.
Im April griff das F sauber. Aus dem Klopfen gegen den Bücherwagen wurde ein Takt, aus dem Takt etwas, das eine Besucherin am Rückgabeschalter mitsummte.
Der Dienstplan weist ihn seither dauerhaft für den Wochenanfang aus.

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Am langen Tisch erkannte Schnappnot seine eigenen Sätze wieder — verkürzt, zugespitzt, vorgetragen als Beweis, wie leicht durchschaubar er sei. Wochen vorher hatte er dieser Person etwas anvertraut, das sonst niemand kannte. Jetzt wurde es als Anekdote erzählt: die Worte stimmten, der Sinn war weg. Die anderen lachten und nickten, als sei damit geklärt, wer er sei.
Er widersprach nicht, trank aus und ging früher. Auf dem Heimweg störte ihn nicht die Peinlichkeit, sondern die Rechnung dahinter: jemand hatte ein paar geteilte Abende für Kenntnis gehalten und Vertrauen für einen Vorrat, aus dem man sich bedient.
Zu Hause schrieb er zuerst die ruhige Hälfte: dass eine Begegnung niemand steuern kann, dass Bleiben Zeit kostet und Zuneigung Überwindung — und dass niemand schuld ist, wenn es nicht reicht. Diese Entlastung sollte am Ende jeder Strophe stehen.
Dann fiel ihm das Lachen wieder ein. Er schrieb die Strophe ein zweites Mal, wortgleich bis zur letzten Zeile, und nahm den Freispruch heraus. Danach folgte keine Erklärung mehr, sondern eine Ansage an alle, die Nähe für einen Zeitvertreib halten.

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Niemand wollte den hintersten Platz im Festzelt, dort wo die Plane feucht bleibt und die Lüftung nach Fritteuse riecht. Genau dort stand am Sonntag der Militaria-Tisch: Blechhelme in einem Bananenkarton, Orden auf grünem Filz, ausgebeulte Patronenhülsen, in denen jemand Trockenblumen arrangiert hatte. Dreihundert Leute schoben sich durch die Gänge und griffen im Vorbeigehen danach wie nach Kaffeetassen.
Schnappnot kam erst um vier, als Helfer für die Stromkabel, mit Kabelbrücken unterm Arm. „Die Traverse krieg ich allein hoch", sagte er laut, stemmte sich dagegen und kippte den Bananenkarton um.
Die Helme rollten scheppernd durch den Gang, ein Kind setzte sich einen auf und lachte. Schnappnot kniete zwischen Turnschuhen und sammelte ein. Das Zeug war schwerer als erwartet, kalt, roch nach Rost und altem Öl, und mit jedem Stück in seiner Hand wurde sein Brummen lauter und störrischer, bis daraus ein Satz wurde, den er beim Weiterarbeiten nicht mehr loswurde.
Den letzten Helm behielt er in der Hand, und ob er ihn zurücklegte oder mitnahm, sah in dem Gedränge keiner.

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„Ich glaube, ich habe das Telefon kaputtgemacht", sagte seine Mutter, und ihre Stimme kam so nah aus dem Hörer, dass sein Ohr warm wurde.
„Du redest gerade damit, Mama."
„Eben. Das ist ja das Verdächtige."
Im Büro summte seit vierzig Minuten der Kopierer, aus dem Flur schepperte eine Durchsage über einen falsch geparkten Wagen, sonst nichts. Schnappnot hatte längst alle Büroklammern nach Größe sortiert.
„Ich wollte dich eigentlich fragen, wie man das mit dem Formular macht", sagte er.
„Ach, mein Junge. Ich sitze hier und weiß auch nicht weiter."
Pause. Sie atmete, ihr Ring klackte am Gehäuse.
„Dann atme erst mal durch", sagte er. „Zuerst der linke Knopf, danach der obere."
„Seit wann bist du der Erwachsene?"
„Seit ungefähr jetzt."
Er hörte sie lachen, dieses kurze, schiefe Lachen, und weil ihm dazu nichts einfiel, sagte er nur, sie solle sich eine Jacke anziehen, draußen sei es kalt.
„Es ist Februar", sagte sie. „Es ist immer kalt."
Er summte etwas in die Leitung, ohne Worte, bis sie mitsummte. Die Uhr über der Tür stand auf 15:52.

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Sechs Uhr fünfzig, und im Treppenhaus klopfte jemand mit dem Besenstiel gegen die Decke. Oben, im Abstellraum unterm Dach, stand Schnappnot mit einer Papptröte aus einer alten Silvesterkiste und redete die Taube auf dem Dachbalken an — direkt, ohne Umweg, mit der lautstarken Aufforderung, diesen gewöhnlichen Mittwoch zu begehen wie einen Geburtstag. Die Taube putzte sich die Brust.
Angefangen hatte das zwei Tage vorher beim Familienessen. Sein Cousin hatte ihn zum Nachtisch den zuverlässigsten Zauderer der Verwandtschaft genannt, alle lachten, und Schnappnot lachte mit — zwei Tage lang, immer eine Spur zu spät.
Also die Kiste, also die Tröte. Sie klang beim ersten Anblasen sauber, dreiundzwanzig Jahre Keller hin oder her, und darauf war er unangemessen stolz. Dann das Knallbonbon, das damals niemand hatte ziehen wollen. Die Taube rührte sich nicht. Sie rührte sich auch nicht, als er auf den Dielen den Takt dazu stampfte und den Zuruf ausbaute, bis daraus eine Strophe wurde, dann zwei.
Auf den Dielen lagen zwei Papierschlangen, rot und gold, und die Taube stieg herunter und setzte sich mitten hinein.

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Am Telefon nannte Schnappnot wieder eine Uhrzeit für einen Abend, den er nicht wollte, und hörte erst nach dem Auflegen, wie fremd die eigene Stimme klang. Ihm fiel das Essen im Frühjahr ein: zwei Stunden gelacht, wo nichts komisch war, heimgefahren ohne einen eigenen Satz.
In der Küche seiner Tante kritzelte er auf einen Kassenbon, was er lieber ins Telefon gesagt hätte: kurz nicht erreichbar. Er las es zweimal und sang es beim dritten Mal.
Die Tante schälte weiter, Ring um Ring, und fragte kein einziges Mal, wie lange das dauern solle. Er stellte einen zweiten Becher an die Tischkante, für den, der noch unterwegs zu ihm war. Aus dieser Geduld baute er den Refrain: nicht suchen, nicht festhalten, nur den Platz freilassen.
Die Strophen holte er aus dem Telefonat und dem Frühjahrsabend, die Bridge aus dem Trotz, sich vor niemandem rechtfertigen zu müssen. Am Samstagabend ging er nicht hin. Er saß in der Küche, spielte der Tante die zweite Strophe vor, und sie schob ihm wortlos den vollen Becher über den Tisch.

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Galten an jenem Januarnachmittag im Auwald mehrere Dinge gleichzeitig: dass der Boden gefroren war, dass acht Erwachsene mit Thermoskannen zwischen den Erlen standen, und dass hinter dem Weidezaun ein rot geschecktes Tier stand und dampfte.
Es galt außerdem: Für die Gruppe war das Tier ein Rind, laut Landwirtschafts-App sogar eine Färse. Für Schnappnot war es eine Kuh, und dabei blieb er, siebzehnmal, unbeirrbar, auch gegen zwei Leute mit ländlicher Kindheit. Es galt weiter, dass das Vieh irgendwann den Kopf über den Zaun schob, ihm die Handfläche mit einer Zunge wie nasses Schleifpapier abschmirgelte und ihn aus zwei Zentimetern Entfernung anmuhte, warm und grasig.
Und es galt, dass Schnappnot den acht Leuten gern gesagt hätte, wie sehr ihm diese Nachmittage fehlen würden, den Satz aber nicht über die Lippen kriegte. Also sang er ihn stattdessen: falsch, viel zu laut, aus lauter Tierlauten zusammengesetzt, bis die ganze Gruppe zwischen den Erlen mitgrölte und dem Tier der Atem in weißen Wolken aus den Nüstern fuhr.
Hat eigentlich jemand gemerkt, was er da gerade gesagt hat?

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Auf der Grabplatte blieb ein brauner Ring zurück, den kein Januarregen wegwusch: der Abdruck einer Emaillekanne.
Da war das Lied längst fertig. Schnappnot hatte es zwischen zwei Atemzügen zu Ende gebrummt, den Spaten noch unterm Arm, und Tante Ruth klatschte mit Handschuhen, was ungefähr klang wie zwei Topflappen.
Davor die Bitte. „Entschuldigen Sie vielmals die Störung", sagte er in Richtung der Nachbargräber, bevor er weiterhackte, und wenig später, förmlich und völlig außer Puste: „Wenn ich bitten dürfte. Einen Schluck. Sehr freundlich von Ihnen." Ruth schraubte auf, es dampfte, und der Geruch stand über der halbgefrorenen Erde wie ein Gast, den keiner eingeladen hatte.
Davor eine Stunde Rosenstock, Wurzeln, Frost und ein Rücken, der andere Meinungen vertrat.
Und ganz davor der Großvater, der gefunden hatte, es gebe keine falsche Uhrzeit, nur zu wenig in der Kanne. Aus genau dieser hier. Ruth hatte sie mitgebracht, ohne ein Wort darüber zu verlieren.
Am Anfang von allem klapperte nur ihr Deckel im Fahrradkorb über den Kies.

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Beim Nikolausabend des Kegelclubs steht ein verkleideter Bekannter im Raum, Sack in der einen Hand, Rute in der anderen, und alle grölen das Kinderlied mit, das jeder seit dem Kindergarten auswendig kann. Schnappnot singt zwei Zeilen, dann bleibt sein Blick an der Rute hängen. Aus Erwachsenenaugen ist das kein Erziehungsdrohmittel mehr, sondern ein Requisit aus einem völlig anderen Katalog. Vom Tresen ruft jemand, der Nikolaus dürfe ruhig fester zulangen.
Schnappnot lacht laut und wird gleichzeitig unruhig — vor genau diesem Ding hatte er als Kind Angst.
Der Reim auf Haus, denkt er, liegt ohnehin gratis herum; man muss nur ein anderes Wort einsetzen. Und wenn die Figur nicht mehr über andere richtet, sondern hereingebeten wird, dann bestellt sie ihre Behandlung eben selbst: heute sanft, morgen deutlich weniger sanft.
Am Küchentisch reimt er Strophe für Strophe weiter, stellt der Figur ein Kreuz in die gute Stube und lässt sie zum Schluss um Aufschub betteln, dreimal, bis niemand mehr ernst bleibt.

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Nach Mitternacht räumt Schnappnot das Zimmer auf, in dem er monatelang an einer Sache gesessen hat, die jetzt fertig ist — fertig, ohne dass etwas Nächstes wartet. Daneben liegt die Mappe mit Plänen, die er damals zu zweit angelegt hat: ein paar Häkchen, viele leere Kästchen.
Er liest bis zum Ende und wartet, dass etwas in ihm reagiert. Es kommt nichts. Kein Ärger, kein Stolz, keine Lust — nur die Feststellung, dass ihn das nichts mehr angeht und er die zweite Hälfte nie gehen wird.
Er will sich fragen, was er morgen anfängt, und bringt nicht einmal Neugier dafür auf. Früher hätte ihn so ein Abend in Brand gesetzt; heute reicht die Glut für die Schreibtischlampe.
Er greift zur Gitarre, weil das weniger Kraft kostet als Aufstehen, und notiert, dass er heute Nacht nichts wollen muss. Diesen Satz macht er zum Kern, der nach jeder Strophe wiederkehrt — als Zustand, nicht als Klage. Aus den leeren Kästchen wird die Strophe über die nicht zu Ende gegangene Strecke, aus dem Abstand zwischen altem Feuer und kleiner Lampe die zweite.

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Neun Leute im Saal an diesem Abend, zwei davon vom Personal. Schnappnot spielte den Auftritt zu Ende und rollte danach allein die Kabel auf, klappte das Stativ ein, während hinter ihm schon die Bestuhlung weggeräumt wurde. Niemand klatschte, niemand sagte etwas; es blieben Neonlicht, kalter Rauch und sein eigener Atem in der Stille.
In den Wochen danach nahm er sich zurück, bis kaum noch etwas von ihm zu sehen war. Anfragen blieben liegen, zwei Termine sagte er ab, und wer nachfragte, bekam zu hören, es sei halb so wild — Erklären hätte bedeutet, alles noch einmal zu spüren.
Dann ein Morgen ohne Vorsatz: Kaffee, Gitarrenkoffer, der nächste Termin. Im Aschenbecher lag ein ausgepustetes Streichholz und qualmte noch, kläglich. Daran blieb er hängen: kein Auflodern, kein Aufstieg, nur Glut, die sich weigerte — sein Zustand.
Auf der Fahrt wurde daraus ein trotziger Kehrreim: nichts an ihm glänzte, übrig waren Schrammen, Asche und Sturheit, und daraus war er gemacht. Die Strophen legten sich darum — verlorene Nächte, das Kleinermachen, das Ende jeder Rechtfertigung gegenüber denen, die nicht geblieben waren.

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Die Frage kam spät, zwischen zwei leeren Tellern, und sie war ehrlich gemeint: wie es ihm wirklich gehe. Schnappnot lachte, sagte, alles bestens, und schob den Teller weg — reflexhaft, geübt, in derselben Bewegung, mit der er sich seit Jahren kleiner macht, wenn jemand zu nah kommt.
Der andere bohrte nicht nach. Kein Rat, keine Lösung, kein großes Versprechen. Nur ein zweiter Tee, ein Stuhl, der nicht zurückgeschoben wurde, und Schweigen, das er aushielt, bis Schnappnot die eigene Mauer von innen sah.
Ihm fiel auf, wie oft er das früher anders erlebt hatte: Menschen, die ihn auffangen wollten und dabei losließen, Zuneigung, die er mit Anspannung verwechselt hatte, weil er es nicht anders kannte.
Der erste Satz entstand noch am Tisch, halb geflüstert: dass er nicht gerettet werden will, sondern begleitet. Am nächsten Morgen war daraus ein trotziges Bekenntnis geworden — die Strophen wurden zur Bilanz der Verbiegungen, der Refrain zur Weigerung, sich dafür weiter zu entschuldigen.
Was er verlangte, war lächerlich wenig. Genau das hatte ihm bisher niemand gegeben.

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Mit einer Liste im Kopf betrat Schnappnot das Zimmer seines Bruders: Termine, Zweitmeinungen, Dinge, die man noch versuchen könnte. Er zählte sie auf und hörte selbst, wie hohl das klang. Beim dritten Vorschlag antwortete niemand mehr. Was im Raum stand, hatte keine Antwort; jeder weitere Satz hätte nur ihn beruhigt.
Also hörte er auf zu reden, drehte sein Telefon um und ließ den Nachmittag unerledigt liegen. Nach einer langen Stille bemerkte er, dass er längst im selben Takt atmete wie der Mann im Bett.
Auf dem Heimweg notierte er, dass er nichts mitgebracht hatte außer Bleiben — und dass es gereicht hatte. Daraus wurde die Zusage, die er im Zimmer nie ausgesprochen hatte: nicht wegzugehen und dem anderen nicht voranzugehen.
Die Strophen holte er aus dem, was er weggelassen hatte: aus den Möglichkeiten, die er nicht mehr durchzählte, aus den Fragen, die er stehen ließ, aus Stunden, die ohne Druck heruntersanken. Das Tempo wählte er so langsam, dass Singen und Atmen nicht mehr auseinanderfallen.

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16:41, Bahnsteig drei, und von der Nachmittagssonne war nur noch ein handbreiter Streifen auf der vorderen Bank übrig. Dort saß eine Frau von mindestens achtzig Jahren, Mantel offen, Gesicht in die Wärme gedreht, und rückte alle zehn Minuten mit dem Licht mit.
Schnappnot kam als Letzter die Treppe hoch, zwei Stufen auf einmal, Gitarre über der Schulter, Verstärker unterm Arm. Er baute sich vor der Bank auf, um Hilfe mit dem Koffer anzubieten, und legte dabei seinen Schatten über ihre Knie. Sie sah nicht hoch und sagte, er nehme ihr gerade die einzige warme Stelle des Tages.
Gekränkt riss er den Koffer hoch, ohne Knie, wie mit dreiundzwanzig. Etwas im Rücken machte ein leises, endgültiges Geräusch. Sekunden später saß der junge Mann auf dem Bahnsteig, grau im Gesicht, und die Achtzigjährige dirigierte ihn auf die Bank in ihren Sonnenstreifen, drückte ihm ein Birnenbonbon in die Hand und zählte seinen Puls.
Er wärmte sich in fremdem Licht und summte zwischen zwei Atemzügen etwas Neues. Dann klapperte die Blechdose in ihrer Manteltasche, kurz und trocken.

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„Zehn Stück, Kalle, und keine davon geht heute in die Spülmaschine."
„Das sind meine Tassen."
„Sie stehen schon vorn auf der Bahn. In der Raute, wie die Kegel."
„Aha." Kalle wrang den Lappen aus.
„Der Vorstand streicht den Donnerstag. Zehn Leute, dreiundzwanzig Jahre, weg mit einem Beschluss. Also schreibe ich heute ein Lied dagegen. Hier, auf deiner Bahn."
„Dann schreib."
Die Kugel lief. Es klirrte hell, drei Tassen kippten, eine drehte sich mit dem Henkel nach oben aus der Rinne.
„Sieben. Hörst du den Unterschied? Porzellan singt, Holz poltert nur."
„Ich höre, dass du meine Hochzeitstassen zerlegst."
„Ich ersetz dir jede."
„Du ersetzt mir gar nichts." Kalle setzte sich auf die Bank, goss sich aus der Kanne nach und blies in den Becher, als räume nebenan jemand Besteck ein.
Schnappnot summte, zählte rückwärts, holte die Scherben, stellte die Überlebenden wieder auf.
„Kalle. Wenn am Schluss wieder alle stehen — kommt ihr Donnerstag dann trotzdem?"

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Der Kerzenstummel in seiner Hand tropfte schon, als der erste Ton anfing zu wackeln.
Auf dem Platz vor der alten Kirche sangen sie in Reihen, Atem in der Kälte, irgendwo ein Akkordeon. Dann schnitt eine Sirene über die Dächer, weit weg und doch mitten hinein. Die Stimmen brachen ab, ein paar Sekunden hörte man nur Schuhe im Schnee, dann sang jemand leiser weiter, fast nur gehaucht, und die anderen hängten sich dran. Schnappnot sang den alten Text mit und glaubte ihm dabei kein Wort mehr.
Neben ihm zog ein Kind am Ärmel seiner Mutter und fragte etwas über den Krieg. Sie antwortete nicht; sie wusste es selbst nicht. Ein Fremder legte die hohle Hand vor Schnappnots flackernde Flamme, bis die Bö vorbei war, ein anderer schob einem Frierenden seinen Becher hin.
Zuhause behielt er nur die Anrufung am Zeilenanfang und strich alles, was danach Geborgenheit behauptete. In die Lücken schrieb er, was er gesehen hatte: das Gehauchte, die unbeantwortete Frage, die hohle Hand. Pro Strophe eine Sache, die klein genug war, um zu stimmen.

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Stemmte sich Schnappnot mit der Schulter gegen den eisernen Stier im Hinterhof, ein ausrangiertes Metzgereischild, mannshoch, rostig, kalt wie ein Brunnenrand.
Vier Handbreit fehlten noch, dann stünde das Vieh endlich so, dass das Hoftor schließt. Eine fremde Frau kam mit dem Fahrrad durch die Einfahrt, blieb stehen, sah zu. Da klemmte sein Daumen zwischen Sockel und Pflasterstein.
„Alles bestens", sagte er. „Gehen Sie ruhig vor, ich möchte Sie nicht aufhalten." Sie ging nicht vor. „Sehr freundlich", sagte er, „wirklich, danke, kein Problem."
Sagen, dass er das Ding allein bis hierher geschoben hatte, seit dem Morgen, ohne Hebel, ohne Hilfe — das brachte er nicht heraus. Also brummte er stattdessen, tief, gegen die hohle Flanke, und das Eisen brummte zurück, ein langer, satter Ton, der ihm bis in die Rippen ging. Er hielt ihn, und schob, und der Ton wurde eine Melodie, die er nicht mehr abstellte, bis der Daumen frei war.
Der Hof lag still, das Eisen war kalt, und die schwere Figur stand vier Handbreit weiter als am Morgen.

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In welcher der zwölf Kisten unterm Dachfenster lag das Ding aus seiner Kindheit? Schnappnot suchte es an einem Donnerstagabend, weil er sich an ein Geräusch erinnern wollte, das er seit dreißig Jahren nicht mehr gehört hatte. Seine Nichte, sieben, saß auf einem Koffer und hatte sich zur Aufsicht ernannt.
Kiste eins: ein Messingglöckchen, grün angelaufen, Klöppel fehlt. „Sichtprüfung ohne Beanstandung, Funktion mangelhaft", sagte das Kind.
Kiste zwei: ein zweites Glöckchen, diesmal vollständig, aber mit Watte gestopft. Er zog sie heraus, schüttelte, und es klang wie ein Löffel im leeren Glas. „Zwischenbescheid", sagte die Nichte. „Antrag wird weiter geprüft."
Kiste drei stand ganz hinten unter der Schräge, mit Kreide beschriftet in seiner eigenen Kinderschrift. Darin, in einem Socken: das richtige. Er schüttelte es einmal, kurz, und die Nichte hörte auf, Behörde zu spielen, und hielt die Hand auf.
Um 22:14 Uhr stand die Kiste unten im Flur, und er summte auf der Treppe schon in einer Tonart, die er nicht gewählt hatte.

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Hinter dem letzten Marktstand, im Lagerzelt mit dem klemmenden Reißverschluss, war das Lied gegen halb zwei fertig: gesummt, auf einen leeren Kanister geklopft, zweimal von vorn.
Eine Stunde davor hatte die laminierte Standordnung am Zeltpfosten verlangt, Kostümteile über Nacht auf den Bügel zu hängen. Den Bart nahm er trotzdem nicht ab. Er trug ihn beim Zähneputzen, beim Suppewärmen, beim Aufpumpen der Luftmatratze, und als ein weißes Haar in den Becher fiel, fischte er es heraus und blieb stur.
Davor, nach Ladenschluss, hatte er im Zelt beides übereinander angezogen: den roten Mantel über dem goldenen Flitterkleid, die Engelsflügel unter dem Gürtel, die Lockenperücke unter der Zipfelmütze. Im Licht der Stirnlampe sah das albern aus. Er fand sich großartig und sagte leise danke, in die kalte Zeltluft hinein, ohne Adresse.
Davor lag ein guter Tag: Kiste leer, Kasse schwer, Finger klamm vom Wechselgeld, Zimtgeruch in der Jacke bis in die Naht.
Und davor, um kurz vor sechs, im Dunkeln, stand er von der Luftmatratze auf und ging über den gefrorenen Platz zu seinem Stand.

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Den letzten Bus ließ Schnappnot absichtlich fahren. Der Nachmittag war laut gewesen, ein Streit über Geld, der nichts gelöst hatte; den Rest des Weges wollte er gehen.
Es fiel Schnee, so fein, dass er eher schwebte als fiel, und er legte sich über Motoren, Schritte, Stimmen. Am Teich stand das Wasser unter einer ersten Eisschicht, reglos, als hätte jemand den Abend angehalten. Am Hof, in dem siebzehn Jahre lang ein aufblasbarer Weihnachtsmann gebrummt hatte — laut genug bis zur Haltestelle —, lief das Gebläse nicht mehr. Schnappnot blieb stehen und wartete auf Wehmut. Sie kam nicht. Ihm war warm, und der Ärger vom Nachmittag war noch da, hatte aber keine Stimme mehr.
Zu Hause summte er nur die Melodie, ohne Worte, weil ihm keine einfielen und keine fehlten; genau das wurde der Teil, der ohne Text am lautesten klingt. Sprache ließ er erst ganz am Zeilenende zu, und nur für das eine Wort, das nichts Angekommenes feiert, sondern etwas Bevorstehendes.
Seither muss er leise werden, um das Kommen überhaupt zu hören.

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Der zweite Advent roch in der ganzen Wohnung nach Harz, und Schnappnot fand das an diesem Abend unverschämt.
Dreißig Leute standen zwischen Küche und Wohnzimmer und warteten, dass er endlich anfing. Er dachte an nichts Weihnachtliches. Er dachte daran, dass der Baum zu nah am Sessel stand, dass ihm eine Zweigspitze in den Nacken piekste, dass seine Fingerkuppen klebten und der Griff, den er seit Wochen sauber hinbekam, unter dem Harz wegrutschte wie Seife. In ihm stieg etwas Heißes hoch. Gleich, dachte er, gleich gehe ich an die Decke.
Dann tat er es. Er kletterte, die Gitarre am Hals, auf den Küchentisch, streckte eine Hand nach oben und legte die Handfläche flach an den Putz, ganz ernst, als erledige er eine Pflicht. Irgendwo hinten prustete jemand los, dann die halbe Wohnung.
Von da oben klopfte er den Rhythmus mit dem Absatz gegen die Tischkante, fand den klebrigen Griff wieder und ließ ihn stehen, während dreißig Stimmen darunter unsicher mitsummten.
Über ihnen an der Decke stand ein kleiner grüner Handabdruck mit fünf klebrigen Fingern.

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Das Umwickeln der Thermoskanne mit dem Schal hatte Schnappnot im Aufzug beendet, halb vier, dritter Stock. Zwei Tassen für einen Menschen, dessen Zimmernummer er schneller auswendig konnte als den eigenen Geburtstag.
Der Plan war Unauffälligkeit. Der Plan hielt vier Meter. Auf Höhe der Getränkeecke lockerte sich der Deckel, und der Flur roch mit einem Schlag nach heißem Rotwein, Nelken und einem sehr entschlossenen Sternanis. Aus dem Lautsprecher lief eine Durchsage über Besuchszeiten und verstummte mitten im Satz, als hätte auch sie kurz die Nase gehoben. Hinter der ersten Tür fragte jemand, ob heute Markt sei. Hinter der zweiten lachte jemand leise. Ein Rollwagen quietschte weiter hinten, deutlich langsamer als vorher.
Schnappnot stand da mit einer dampfenden Kanne, hatte niemanden gesehen und fühlte sich trotzdem eingeladen. Er summte etwas Unsinniges, silbenselig, halb Trinkspruch, halb Kinderreim, und der Flur schluckte es freundlich.
Dann sagte eine Stimme hinter Tür neun: „Falls Sie noch was übrig haben, hier riecht es gerade nach Zuhause."

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„Heute wird gebrüllt, nicht geträllert", verkündete Schnappnot am Gartentisch und legte das karierte Heft vor sich hin, aufgeschlagen, leer, entschlossen.
Der Nachmittag lief zweigleisig. Am einen Ende der Laube kämpfte er mit dem Vorsatz, ein Lied gegen alles zu schreiben, was sich von oben herab freundlich anhört — und schrieb dabei mit links, weil der rechte Mittelfinger seit dem Vormittag geschient war, dick verbunden und so steif abgespreizt, dass er über jede Tasse hinwegzeigte.
Am anderen Ende saß die Runde und machte klein, was groß war. Die Kündigung sei halb so wild. Der Brief mit dem Aktenzeichen: Formsache. Die Nächte, in denen keiner schlief: Wetterfühligkeit.
Dann wollte einer den Verband nachziehen, sah den freigelegten Finger, wurde grau um die Nase und musste selbst auf die Bank gelegt werden, Beine hoch, Wasser her.
Über der Bank ragte, unbeirrt und gestreckt, die Schiene in den Abendhimmel. Schnappnot sah hin und begann zu schreiben. Um halb neun war das Heft voll und der Verband neu gewickelt.

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Zwei Currywürste später behauptete Schnappnot an der Imbissbude am Kanal, er kenne seine Mutter auswendig. Sie stellte eine einzige Frage — wie ihr erster Chef geheißen hatte — und er riet dreimal daneben. Ihr Lachen ging über den halben Vorplatz, und ihr trockenes „Und du willst über mich singen" schickte ihn ohne Pommes nach Hause.
Danach kam er donnerstags. Mit leeren Händen, weil sie ihm jede Geschichte zweimal erzählen musste, bis sie hielt. Über zwei Winter sammelte er, was zwischen Senf und Fritteusengeräusch anfiel: das Zimmer mit der schrägen Wand, das Fahrrad ohne Licht, der Abend, an dem sie aufhörte zu weinen und stattdessen kochte.
Fragte er, wie lange sie die Bude noch machen wolle, wischte sie die Hände an der Schürze, legte eine davon kurz auf seine und sagte, sie plane grundsätzlich nur bis Samstag. Dann bestellte sie ihm nach.
Die Melodie hatte er im Bus. Auswendig konnte er sie am Ende noch weniger als an jenem ersten Abend, und genau daraus ließ sich endlich etwas singen.

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Der Wunschbaum im Gemeindesaal war schon fast leergeräumt, als Schnappnot am Abend vor Heiligabend die Stühle zurücktrug. Zwischen abgezupften Fäden hingen noch zwei Papiersterne, umgedreht, in Kinderschrift beschriftet: warme Stiefel. Ein Brettspiel. Wünsche so klein, dass sie zwischen den größeren untergegangen waren.
Er nahm beide ab und steckte sie ein. Es machte ihn nicht stolz, es machte ihn still: Diese Zettel hatten den ganzen Advent lang niemanden angesprochen, sondern nur gehangen und gewartet.
Zu Hause dann Kerzen, Zimt in der Küche, Teller mit Plätzchen, Kinder am Tisch — und im Flur, in der Manteltasche, die zwei Sterne. Der erste Songgedanke war kein Bild, sondern ein Zuruf: dass jemand hinsieht und antwortet.
Daraus wurde der Refrain: eine Zusage, die jedes Jahr aufs Neue gelten muss. Die Strophen stellte Schnappnot bewusst davor — erst das eigene volle Haus, dann die geflüsterte Erinnerung, dass ein freundliches Wort schon genügt. Und weil ein Paar Stiefel bezahlbar war, das Gefühl dahinter aber nie, blieb die letzte Refrainzeile so stehen, wie sie ihm im Flur eingefallen war.

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Es war nicht die Kälte, die Schnappnot wach hielt, sondern die Rechnerei: dreiundzwanzig Eimer am Krötenzaun, jeder halbvoll Regenwasser, jeder mit Fracht.
Ab Mitternacht würde er ein Jahr älter sein, und das beschäftigte ihn mehr, als ihm lieb war. Er trug die Eimer in Schüben zum Teich, immer denselben Weg, bis der Weg ihn trug. Das Schwappen gab den Takt vor, die Schritte antworteten, die Handschuhe rochen nach Schlamm, und weil niemand zuhörte, summte er dagegen an. Erst zwei Töne. Dann eine ganze Linie, die er nirgends herhatte. Er sang sie halblaut in den Waldboden hinein, damit sie ihm nicht davonlief.
Punkt zwölf hob er den Eimer wie ein Sektglas gegen den Himmel, wo die Milchstraße zwischen den kahlen Buchen hing, und wünschte sich etwas. Sehr feierlich. Sehr allein. Im Wasser schwamm der halbe Himmel mit, und mitten darin sah ihn ein Auge an, kupfergolden, geschliffen wie ein Stein, vollkommen unbeeindruckt.
Ihm wurde heiß im Gesicht, mitten im Frost. Dann kippte es, und er lachte, bis es zwischen den Stämmen zurückkam.
Platsch.

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Sitzt er also im Flur des Bürgeramts, Wartenummer 214 in der Hand, die Birkenrute quer über den Knien, den roten Mantel bis zum dritten Knopf offen.
„Ich sage es einfach. Ich komme dieses Jahr nicht."
„Du kommst seit zwanzig Jahren." Eine Spur tiefer, das ist die Stimme des Vorsitzenden, die er ganz gut trifft.
„Und deshalb?"
„Deshalb kommst du."
„Der Sack ist durchgescheuert."
„Wir nähen den Sack."
„Die Rute auch."
„Wir schneiden neue."
„Ich will aber lieber …"
Da bleibt es stecken. Wie jedes Mal.
Der angeklebte Bart juckt in der Heizungsluft und riecht nach nassem Schaffell. Vierzig Minuten, elf Anläufe, neun Wörter, und keins davon kommt über die Lippen.
Beim zwölften kippt der Satz. Er hebt sich, findet einen Takt, den Schnappnot mit dem Rutenende aufs Linoleum klopft, und plötzlich singt er, was er nicht sagen kann, halblaut, mit einem Grinsen, das in einen Amtsflur überhaupt nicht gehört. Dass die Tür einen Spalt offen steht, ist ihm auf einmal herrlich egal.
Die Anzeige über der Tür springt auf 214.

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Am Nebentisch macht jemand seinen Bruder klein, laut genug, dass die halbe Runde mitlacht. Schnappnot steht auf, bevor er einen Plan hat — das Herz ist längst vorn, die Beine kommen hinterher —, und redet sich in Fahrt, bis ein Glas kippt und seine Stimme über den Raum kratzt.
Dann klatschen sie. Nicht mit ihm, sondern über ihn: gerührt, belustigt, wie über ein Tier, das man kennt. Der Bruder sieht auf die Tischdecke und hätte lieber nichts gesagt bekommen.
Draußen klebt das Hemd, der Puls steht in den Ohren, niemand kommt nach. Schnappnot begreift, dass er sich selbst bestätigen muss, was richtig war, weil es sonst keiner tut — und sagt es der leeren Straße zu laut. Darin steckt schon der Refrain: eine Krone, die keine fremde Hand hält.
Zuhause baut er die Strophen als Rechnung drumherum: was es kostet, sich für andere zu überziehen, und wie ihn sein Herz jedes Mal zurückholt. Wer für andere leuchtet, darf nicht dunkel werden.

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Im Ruheraum des Hallenbads roch es zwei Tage später noch nach dunkler Röstung, und keiner der Stammgäste sprach es an.
Schuld war ein Dienstag, an dem Schnappnot alles gelungen war: der Kassenbon stimmte, das Fahrrad ratterte nicht, sogar der Föhn in der Umkleide lief länger als acht Sekunden. In dieser Laune schleppte er seine Thermoskanne mit auf die oberste Bank. Dort verhandelten bereits zwei Herren im Handtuch, ob man den Automaten im Vorraum abschaffen und durch einen Kräuterspender ersetzen solle. Kaffee, fand der eine, mache die Leute hier nur unruhig.
„Entschuldigen Sie vielmals die Störung", sagte Schnappnot, schraubte den Deckel ab und goss einen Fingerbreit auf die heißen Steine. Es zischte, der Dampf stieg braun und bitter auf, er hob die Kanne wie einen Kelch und begann zu singen. Zwischen den Strophen entschuldigte er sich zweimal für die Lautstärke und einmal für den Geruch, bevor er weitersang.
Die beiden Herren blieben sitzen. Der Automat im Vorraum steht dort unverändert seit vierzehn Monaten.

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Während der Messingzeiger der alten Ladenwaage neben Kasse zwei noch zitterte, weigerte Schnappnot sich, den Beutel mit den Pflaumen herunterzunehmen. Vier Gramm zu viel, sagte er. Das Kind, das er auf dem Hinweg feierlich zum Chef des Einkaufs ernannt hatte, nahm eine Pflaume heraus. Zwei Gramm zu wenig. Es legte sie zurück, schob sie an den Rand des Wiegetellers, dann in die Mitte.
Hinter ihnen wurde die Schlange länger, irgendwo piepte ein Kassenband unbeirrt weiter. Schnappnot blieb stur: er hatte dem Kind versprochen, dass heute alles genau stimmt, und genau hieß genau.
Beim Warten summte er mit, immer wenn der Zeiger nach links wanderte und wieder zurück, ein ruhiger kleiner Gang in zwei Takten, den er sofort mochte. Er sang ihn dem Kind zweimal vor, damit wenigstens einer von ihnen ihn behielt.
Da sagte das Kind, es wolle am liebsten immer mit ihm einkaufen. Schnappnot räusperte sich und erklärte ausführlich die Funktionsweise von Federwaagen.
Das Kind hielt den Beutel mit beiden Händen an die Jacke gedrückt, und der Messingzeiger stand still.

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Wie viele Fremde braucht es, damit aus einer Bahnsteigdurchsage ein Chor wird? Ungefähr dreihundert, stellte Schnappnot fest, als der Zug zum vierten Mal verschoben wurde und die halbe Wartehalle seine Melodie mitsummte. Er nickte höflich. Nicht die schlechteste Akustik hier.
Eine Viertelstunde vorher hatte er die Strophen noch zwischen Rollkoffern hin- und hergeschoben. Der Text saß, der Ton fehlte. Also zog er die laminierte Karte aus der Brusttasche, die dort seit Jahren direkt über dem Herzen liegt, und las die abgehakten Punkte laut vor, einen nach dem anderen, bis die richtige Erinnerung ihn wiedererkannte.
Ganz am Anfang stand nämlich Tante Rosi, Sternzeichen Jungfrau, die ihre Wocheneinkäufe alphabetisch sortierte und trotzdem jedes Mal beim Vorlesen losprustete. Punkt sieben war Marmelade. Auf dieses eine Kreuzchen war er sein Leben lang stolz, weil er es damals selbst hatte setzen dürfen.
„Krumm gesetzt", hatte sie gesagt, „aber ehrlich, und das zählt doppelt."

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Vierzehn Erwachsene aus vier Abteilungen, die sich seit Jahren nur über die Kaffeeküche kannten, stritten an jenem Freitagnachmittag im Besprechungsraum vierzig Minuten lang über einen Bart.
Ich war seit drei Wochen im Haus und kannte kaum jemanden beim Vornamen. Es ging um Zentimeter Bartlänge. Der Kostümverleih hatte zwei komplette Weihnachtsmänner geliefert, quer über den Konferenztisch gelegt, und die Personalstelle fand, Schnappnot passe zu keinem von beiden — er wirke nicht großväterlich genug, eher wie ein Mann, der Pakete annimmt. Abgestimmt wurde per Handzeichen. Er verlor elf zu drei.
Dann stand er auf, nahm den roten Mantel vom Tisch und zog ihn an. Der Stoff roch nach Mottenkugeln und fremdem Rasierwasser, der Klettverschluss kratzte, die Mütze rutschte ihm über ein Auge. Er sagte nichts, sondern räusperte sich zweimal, tief unten in der Brust, bis der Raum still war und hinten jemand zu lachen anfing — nicht über ihn, sondern mit.
Er ließ den Mantel an, schob den Bart ans Kinn und ging summend den Flur hinunter, viel zu langsam für einen Freitag.

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Bodo hatte den Wetterbericht für eine Meinung gehalten, und deshalb saßen die beiden Ende November im Vorzelt eines Campingplatzes, dessen Kiosk seit Oktober zu war.
Drei Stunden bis zur Abholung, Regen auf der Plane, kein Empfang. Schnappnot kaute an einem Satz, den ihm jemand hingeworfen hatte: er nehme alles zu persönlich. Er wiederholte ihn viermal, jedes Mal ruhiger und jedes Mal wütender.
Weil es kein Wasser gab, schmolz er die Eisblöcke aus der Kühltasche über dem Gaskocher. Die blaue Flamme leckte unten am Topfblech, oben knackte das Eis, und jeder danebengegangene Tropfen zischte.
Dann packte Bodo den Geburtstagskuchen aus. Obendrauf saß ein Skorpion aus Zuckerguss, mit schiefem Stachel. Das Ständchen im zugigen Vorzelt geriet dreistimmig, obwohl sie zu zweit waren, und die Kerze ging viermal aus. Schnappnot hielt dem Zuckertier eine feierliche Rede im Falsett, Bodo antwortete für den Skorpion mit Bassstimme, und irgendwann klopfte Schnappnot einen Takt auf den Kühlboxdeckel und sang etwas darüber, das keiner von beiden gekannt hatte.
Als der Topf endlich kochte, war der Kuchen kalt und die Melodie stand.

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Der Zwanzig-Liter-Eimer stand seit Ende Oktober neben der Badewanne, innen weiß verkrustet, außen mit Filzstift beschriftet: MEERWASSER, NICHT TRINKEN.
Über elf Wochen hob Schnappnot ihn zweimal die Woche voll die Treppe hoch, kippte Salz hinein, rührte, maß, fluchte leise gegen die Fliesen. Das Becken auf dem Waschmaschinenschrank gehörte einem einzigen kleinen, blassgestreiften Fisch, der beim Einzug so aussah, als kenne er das Meer nur vom Hörensagen. Der sollte gesund werden. Das war der Plan.
Der Fisch wurde gesund. Schnappnot bekam Rücken.
Irgendwann im Januar saß er auf dem Badezimmerboden, die Unterarme salzig bis zum Ellenbogen, das Wasser rauschte durch die Pumpe wie eine sehr kleine Brandung, und der Patient zog oben seine Runden, während der Pfleger nicht mehr aufstehen konnte. Er lachte, bis ihm die Tränen kamen, und wusste nicht mehr genau, worüber.
Das Summen der Pumpe gab den Takt vor. Er sang gegen die Fliesen, weil sie den Hall hatten, den er brauchte.
Um 3:40 Uhr stand die erste Strophe.

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Vier Kölsch im Bauch, und der Hunger kam genau dann, als der Zug am dichtesten stand. Schnappnot schob sich zur Bude durch, wollte ein Mettbrötchen — leeres Blech, seit einer Stunde nichts mehr da. Die Frau am Tresen lachte, zuckte mit den Schultern und drückte ihm statt Essen einen Schmatzer auf die Wange.
Der Tausch traf ihn wie eine Pointe. Zwei Wagen weiter fischte ihm eine Oma die Kamelle vor der Nase weg und rümpfte selbige über seine Fahne; er gab frech zurück, sie bekam trotzdem ihren Kuss. Dabei grölte der halbe Bordstein die Kapelle so schief mit, dass Schnappnot anfing, eigene Silben in den Takt zu legen: zwei Wörter, doppelt gesetzt, wie ein Zuruf. Er brüllte sie beim nächsten Anstoßen mit, erwischte dabei die völlig falsche Person, und niemand nahm es krumm.
Am Abend stand er mit Konfetti im Haar auf einem Stuhl und warf den Doppelruf in den Saal. Zu Hause sortierte er die Stationen: Bude, Oma, verwechseltes Anstoßen. Drei Strophen, dazwischen jedes Mal der Ruf vom Stuhl.

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Den Audioguide hatte Schnappnot zurückgegeben, als er im Freilichtmuseum den Umweg über den Stallhof nahm, den Weg, den sie beide früher genommen hatten, wenn die Vitrinen langweilten.
Hinter dem Gatter stand ein Widder, breit wie ein Sofa, die Wolle voller Stroh und Novemberregen. Schnappnot kraulte ihm die harte Stirnlocke und sagte halb zu sich, dass manche eben mit dem Kopf durch die Wand wollen. Der Widder nahm das als Auftrag.
Beim ersten Anlauf schepperte das Gatter, hielt, und das Tier schaute beleidigt weg. Beim zweiten sang das Scharnier einen langen, dreckigen Ton, und Schnappnot summte ihn mit, ohne es zu merken. Beim dritten sprang der Riegel, das Tor schwang auf, und der Widder trottete ins Freie, als hätte er nie etwas anderes vorgehabt.
Er roch Lanolin und nasses Heu und dachte daran, wie sie dieses sture Vieh damals verteidigt hatte. Die Melodie war da, bevor er sie suchte, samt dem Trotz darin, der eigentlich Zärtlichkeit war.
Wer von uns beiden, fragte er in die leere Stallgasse, hat hier eigentlich auf wen gewartet?

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Der Sonntag ist längst in Gang, als Schnappnot noch immer unter der Decke liegt, wach, aber ohne Absicht aufzustehen. Der Wecker hat morgens einmal gerufen und liegt seither bedeutungslos daneben. Kaffee und ein Stück Kuchen sind mit ins Bett gewandert, der Kopf schwer von einer zu kurzen Nacht.
Dann ruft jemand aus der Küche, er solle endlich aufstehen, der Tag sei zu schön, und Kuchen im Bett gehe gar nicht wegen der Krümel. Statt sich zu entschuldigen, tastet seine Hand unter die Decke, findet genau diese Krümel — und beschließt, sie nicht wegzuwischen, sondern zu verteidigen.
Er antwortet in feierlichem Amtston: hier gelte sein Hausrecht, hereinkomme nur, wer ein Kissen mitbringe. Und er erklärt sich zur politischen Bewegung mit genau einem liegenden Mitglied. An diesem Satz bleibt er hängen.
Den Rest baut er im Halbdösen: Kaffee und Kuchen als Grundversorgung, ein Tagesordnungspunkt für den zweiten Mittagsschlaf, der Kopf auf Reisen, während der Körper liegen bleibt. Am Ende der leise Spott — eine Regierung im Schlafanzug hält nicht ewig, aber der Sturz wird verschlafen, nicht verhindert.

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Hinterhof hinter der Kneipe, Bierkästen als Stühle, zu viert zu laut. Schnappnot hörte, wie einer beim Rückwärtstorkeln von der Bordsteinkante trat — Bremsen, ein Wagen stand einen Meter vor ihm. Zwei Sekunden lang sagte niemand etwas. Dann lachte der Beinahe-Überfahrene als Erster, und die ganze Runde brüllte hinterher.
Schnappnot lachte mit und fror gleichzeitig. Vorher hatte einer erzählt, wie er seinen ganzen Tag vergeigt hatte, und war dafür gefeiert worden; eine Woche davor hatte eine Ausrede den Abend zerlegt. Der Unterschied saß plötzlich klar da.
Und einer sprach kaum, wollte zweimal gehen, blieb, weil ihn die anderen nicht ließen — irgendwann lachte auch er.
Auf dem Heimweg hatte Schnappnot den Refrain: ein Trotzruf, dem sofort die kalte Ansage folgt, dass so ein Leben schneller aus ist als ein Blinzeln, in der Sprache alter Spielautomaten, ohne Extrarunde.
Die Strophen füllte er mit dem, was der Abend geliefert hatte: die Lust am Unfug, die Ehrlichkeit im Missgeschick, die Runde, die keinen allein heimgehen ließ. Den Schluss hielt er still: der Lauteste der Runde nickt nur noch.

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Der Hang hinter dem Sportplatz ist zu steil für Übermut, aber Schnappnot nimmt beide Hände vom Lenker, weil unten alles frei aussieht. Ist es nicht. Ein Wagen rollt aus der Einfahrt, jemand bremst, und Schnappnot steht zwei Handbreit daneben und lacht, ohne einen Kratzer.
Die Nachbarin am Gartenzaun findet das weniger komisch. Halb ärgerlich, halb bewundernd sagt sie, bei ihm oben schiebe seit Jahren jemand Überstunden, und der Arme tue ihr leid. Der Satz sitzt. Schnappnot zählt nach: die Kellertreppe, das Gewitter, in dem er als Einziger draußen blieb. Immer kommt er glimpflich davon, immer grinst er hinterher — und niemand fragt, wie der Tag dessen aussieht, der ihm jedes Mal hinterherhechten muss.
Im Flur steht der Gipsengel, ein Flügel seit einer Christbaumkerze kohlschwarz, und riecht noch verbrannt. Da kippt der Blick endgültig: Erschöpfung als Berufskrankheit, Beschützen als unkündbarer Job mit Dienstjahren und schmerzendem Rücken.
Schnappnot schreibt die Strophen als Schichtberichte, jede Frechheit eine Spur dreister als die davor. Das Komischste liegt eine Ebene höher: Wer sich beschwert, bekommt Lob zurück und macht weiter.

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Die Lücke sah zu schön aus zum Bremsen — Schnappnot gab Gas, obwohl die Ampel längst umgesprungen war, riss das Steuer herum und behielt das Hupen eines Lieferwagens im Ohr. Mittags nahm er zwei Stufen auf einmal, rutschte ab, hing am Geländer. Abends holte er im Gewitter das Verlängerungskabel aus dem Gras; der Donner kam ohne Pause. Auf dem Heimweg platzte der Fahrradreifen; er landete im Weichen statt am Bordstein.
Beim Abendessen zählte er nach: vier Gelegenheiten für ein Krankenhausbett an einem einzigen Tag. Er lachte und erschrak mitten im Lachen — die Rechnung dafür trug jemand anderes.
In den Teller hinein summte er eine Zeile über einen Beschützer, der Überstunden schiebt und längst krankgeschrieben gehört. Daraus wurde eine Anzeige: Ersatz gesucht, Grund ausgebrannt — dreimal gehämmert, weil man eine Diagnose erst beim dritten Mal glaubt.
Danach bekam jeder Fast-Unfall des Tages eine eigene Strophe, und der Beschützer wurde mit jeder müder: erst schreien, dann spotten, zuletzt nur noch danebenstehen und filmen. Den Schluss schrieb Schnappnot um, bis nicht mehr er den Witz machte, sondern der andere einfach ging.

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Weil er es versprochen hatte, stand Schnappnot kurz vor Mitternacht im Proberaum, während hinter der Tür zweihundert Leute grölten.
„Vierzehn Geburtstagskinder heute", sagte die Technikerin. „Und Sie haben zugesagt."
„Sehr gern", sagte Schnappnot. „Darf ich die Kerzen abzählen? Ich hätte gern eine Zeile pro Kerze."
„Das Wachs läuft schon aufs Notenblatt."
„Dann danke ich dem Wachs für die Vorarbeit."
„In welcher Sprache singen Sie das überhaupt?"
„In meiner. Die versteht ab dem zweiten Refrain ohnehin jeder."
„Da draußen kennt Sie keiner, das ist Ihnen klar?"
„Vollkommen. Ich singe ihnen trotzdem was."
„Und Ihnen singt wer?"
„Ich habe ja mich. Reicht für vierzehn Strophen."
„Es sind zweihundert Leute."
„Umso wichtiger, dass man sich ordentlich bedankt."
Er ging ans Mikrofon, verbeugte sich in Richtung Blech und gratulierte höflich zuerst der Torte. Dann fielen zweihundert Kehlen ein, schief, eine halbe Sekunde zu spät — und irgendwo hinten klatschte Sahne gegen die Wand.

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Warum lag da ein erwachsener Mann bäuchlings auf dem Pflaster vor der Imbissbude, die Stirn im Fettdunst von Zwiebeln und Frittieröl? Über ihm schepperte die Festanlage und rief zum vierten Mal Nummer siebenundvierzig aus, die keiner abholte.
Angefangen hatte es früher am Abend, als Schnappnot einer Erinnerung nachging wie einem entlaufenen Hund: ein nasser Novembernachmittag, ein Grab, ein Gedanke, der ihm damals kam und noch am selben Tag wieder verschwand.
Dreimal bat die Durchsage darum, Pfandbecher zurückzubringen. Schnappnot behielt seinen. Der Becher war leer, klebrig und völlig belanglos, aber er gab ihn nicht her, aus reinem Prinzip.
Der Gedanke kam zurück, und mit ihm der Übermut. Er wollte die Lage ausprobieren, in der er eines Tages liegen würde, den ganzen Rücken der Welt zugedreht, und ob ihn das kränke. Es kränkte ihn nicht. Also legte er sich hin, den Becher in der Faust, das Pflaster noch warm, und in seinem Kopf summte es los. Und wie lange, fragte er in den knackenden Lautsprecher hinein, hält so ein Stein die Wärme eines Menschen?

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Ende August rappelte es in der Apfelkiste unter dem Gartentisch, und Schnappnot hörte auf zu stimmen.
Ein Igel hatte sich zwischen die Fallobstreste geschoben und schob die Kiste bei jedem Schnaufen einen Fingerbreit über die Platten. Von der anderen Seite des Zauns kam die Ansage, ob das denn nötig sei, um diese Uhrzeit. Schnappnot legte die Gitarre quer aufs Knie, klopfte mit den Fingerknöcheln auf den Korpus, einmal, zweimal, und merkte, dass die Kiste ihm sauber antwortete. Also spielte er weiter — ein einziger Griff, kein zweiter, dazu die Silben, die man auf Schulhöfen zählt, eine pro Schlag.
Der Igel hielt den Takt erstaunlich zuverlässig, wenn auch nur an den Stellen, die ihm passten. Nach einer knappen Stunde hatte Schnappnot einen Kinderreim, drei Strophen und eine Rhythmusgruppe mit Stacheln; bemerkenswert fand er vor allem, dass die Kiste besser klang als die Gitarre.
Als er sie am Ende unter den Tisch zurückschob, war sie leer und vollkommen still — und genau da fing der Lärm erst richtig an.

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Die letzte Zeile hatte Schnappnot gerade zu Ende gesummt, und trotzdem roch das fertige Lied für ihn nach Weichspüler.
Eine Stunde davor war er die drei Straßen nach Hause gegangen, den Korb auf der Hüfte, und hatte gemerkt, dass die Melodie im Takt einer Trommel lief, die ihm nicht mehr aus dem Ohr ging.
Und davor, auf der Bank zwischen Maschine sechs und sieben, war die alte Dame neben ihm eingenickt, weit über neunzig, die Hände um einen Beutel Kleingeld. Zweimal, ganz halblaut, rief sie im Schlaf nach ihrer Mama und nach ihrem Papa. Schnappnot wollte ihre Schulter berühren und traute sich nicht. Stattdessen hörte er sich sagen: „Ihr Trocknungsvorgang ist ordnungsgemäß beendet, gebührenfrei." Sie wachte auf, lachte und nannte ihn einen höflichen Jungen.
Er hatte ihr kurz vorher beim Einwerfen der Münzen geholfen, weil der Schlitz klemmte.
Gekommen war er an diesem Abend nur wegen zweier Hemden und eines Bettbezugs.

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Freitagabend, halb zehn, ein Saal am Ortsrand: Schnappnot trat ans Mikrofon und sah eine Wand aus Jacken. Die Leute kamen direkt von der Schicht, Arme verschränkt, zwei Schritte zu weit weg. Er fragte in den Raum, ob sie so weit seien — nichts. Weil vorn Arbeitskolleginnen standen, die kein Deutsch verstanden, wiederholte er die Frage spontan auf Englisch. Beim vierten Stück kippte es: Arme über den Köpfen, nasse Stirnen im Licht, ein Rückruf, lauter als die Anlage. Danach ließ ihn der Saal nicht runter.
Auf der Heimfahrt gegen zwei ging ihm kein Stück aus dem Set nach, sondern sein eigener Zwischenruf. Der stärkste Moment war kein Lied gewesen, sondern die Sekunde, in der aus müden Einzelnen ein lauter Körper wurde. Also baute er ein Stück, das genau dieser Moment ist: jeder Zuruf zweimal, deutsch und englisch, damit ihn jeder zurückgeben kann. Die Woche bleibt vor der Tür, die Stunden werden verheizt, und am Schluss steht keine Auflösung, sondern die Bitte um Verlängerung. Seitdem muss er den Kipppunkt nicht mehr erhoffen — er zählt ihn an.

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Die Dienstagsrunde hatte die Uhr über der Saunatür schon zweimal angesehen, bevor Schnappnot überhaupt in die Umkleide kam, Bademantel schief, Schlappen falschherum.
Beim ersten Mal wollte er geradewegs in den Aufguss. Der Weg dorthin führte an der Balkontür vorbei, und die Balkontür gewann: drei kurze Züge, drei kleine Wolken, die sich draußen mit dem Chlordunst mischten. Als er zurückkam, war der Aufguss vorbei.
Beim zweiten Mal wollte er wenigstens ins Becken. Er kam nass zurück, aber nur vom Nieselregen, und fand seine Liege frei, weil jemand ein Handtuch quer darübergelegt hatte. Er bedankte sich nicht laut; laut wurde hier ohnehin selten etwas.
Beim dritten Mal war die Packung im Bademantel durchgeweicht. Er stand draußen, hielt etwas Aufgeweichtes zwischen zwei Fingern und hörte, wie das Wasser von der Regenrinne tropfte, immer in Dreiern. Der Nachmittag zog sich zäh, die Dreier blieben, und irgendwann klopfte er sie am Geländer mit.
Drinnen rutschten sie auf der Holzbank zusammen und machten ihm Platz, ohne zu fragen. Ob er ihn diesmal annahm, sah von der Bank aus niemand.

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19:12 Uhr, die Parkplatzlampen sprangen an, und die fremde Frau am Nachbarwagen fand, man rieche diese Jacke bis hier herüber, so etwas ziehe man doch nicht zum Einkaufen an.
Schnappnot antwortete nicht. Er sortierte den Geruch lieber selbst: kaltes Motoröl, ein Rest Rauch, Ziegelstaub in der Innennaht, der bei jedem Umschlagen des zu langen Ärmels herausrieselte, obwohl das Haus längst stand. Eine Kränkung ist es erst, dachte er, wenn jemand den falschen Gegenstand beleidigt. Die Jacke roch nach einem Mann, der Dächer dichtmachte, während andere über Kostenvoranschläge stritten. Traurig war er nicht. Eher wehmütig, wie bei etwas, das nie ganz fort war.
Dann schob er den Einkaufswagen in die Reihe, legte die flache Hand auf das kalte Gitter und wartete drei Atemzüge ab, bevor er den Chip zog, genau so, wie daheim vor jeder Fahrt die Hand auf dem Blech gelegen hatte. Die Frau sah zu. Er ließ sie zusehen.
Auf dem Heimweg summte er, was ihm die Kapuze zuraunte; die erste Zeile stand um 19:41 Uhr.

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Gegen halb drei verunglückt eine Pointe. Ein Freund verhaspelt sich mitten in seiner eigenen Geschichte, keiner versteht sie, und die ganze Runde kippt in ein Lachen, aus dem niemand mehr herausfindet. Schnappnot versucht noch zweimal, einen ordentlichen Satz zu bauen. Beide Male kommt nur Luft und Silbe.
Von nebenan beschwert sich jemand lautstark über den Lärm. Die Runde hält eine Sekunde die Luft an — und lacht dann lauter als vorher. Genau in dieser Sekunde denkt Schnappnot: dafür braucht es keinen Text mehr. Er hört, wie das Gelächter im Wohnzimmer von einem zum nächsten springt, jeder gibt es weiter, keiner beginnt es. Das ist der Refrain, den der Abend längst selbst singt.
Am Morgen sortiert er die Reste: Glitzer aus der Deko klebt an Erwachsenen mit Steuernummer, jemand ist im Kreis getanzt wie auf einem Kindergeburtstag, und die letzten Wortmeldungen der Nacht hätten in jeden Sandkasten gepasst. Er behält die Reihenfolge. Es ist nicht der erste Abend, der so endet, und ganz sicher nicht der letzte.

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»Fertig«, sagte Schnappnot und ließ den letzten Kabelknoten an der Kiefer los. »Und jetzt rühre ich mich keinen Meter mehr.«
»Ein Lied«, sagte Mira zu Toni. »Eins. Dann trägst du den Korb zurück.«
»Zwei«, sagte Toni. »Aber ich bewege nur die Schultern.«
»Nur Schultern ist kein Handel.«
»Darf ich?« Schnappnot stand schon zwischen ihnen. »Das ist reine Technik. Ferse, Knie, Schulter.«
Der Bass setzte ein, und auf dem Lautsprechergitter hüpften die Kiefernnadeln im Takt.
»Man beginnt«, sagte Schnappnot, »mit einer kleinen Drehung aus dem —«
Er saß im Moos, bevor der Satz zu Ende war.
»Technik«, sagte Toni.
»Der Waldboden schwingt hier anders«, sagte Schnappnot. »Spürt ihr das nicht? Bis in die Sohlen. Der Knoten hält übrigens noch.«
Mira hielt Toni die Hand hin. Schnappnot sah den beiden zu, wie sie viel zu langsam wurden für die Musik, und dachte an jemanden, der weit weg genau diesen Takt im Ohr hatte.
»Du wolltest dich keinen Meter rühren«, rief Mira.
»Das«, sagte Schnappnot, dessen Fuß im Moos längst wieder wippte, »war vor dem ersten Ton.«

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Der Nachmittag zog sich, als Schnappnot merkte, dass er den letzten Satz seines Gegenübers gar nicht mehr gehört hatte. Er nickte trotzdem, sagte etwas Zustimmendes, das nichts bedeutete, und schaute am grau flimmernden Bildschirm vorbei zur Wanduhr, die seit einer halben Ewigkeit auf derselben Minute stand. Der Automatenkaffee war kalt und schmeckte nur noch nach Vorschrift.
Wütend war er nicht, eher leergeräumt. Um ihn herum wurde weitergeredet, während sein Fuß unter dem Tisch einen schleppenden Offbeat klopfte, Fingerkuppe auf Tischkante, Stift auf Blockrand. Es war die einzige Melodie, die noch in seinen Kopf passte, und sie kannte nur eine Richtung.
Im Treppenhaus brummte er sie weiter, am Parkplatz auch. Der Satz, der sich dazulegte, war genau der, den er den ganzen Nachmittag hatte schlucken müssen.
Abends fiel die Wohnungstür ins Schloss, die Schultern rutschten runter, und was ihm stundenlang nur als vage Sehnsucht im Nacken gesessen hatte — Ruhe, ein langsamer Bass, ein Zug, der ihn Stück für Stück herausholt —, hatte auf einmal einen Takt. Den Rest schrieb er im Dunkeln, ohne die Jacke auszuziehen.

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Hörte er seinen Namen zum zweiten Mal durch die nasse Fliesenluft, und rührte sich trotzdem nicht.
In der Kabine roch es nach Chlor und warmem Blech. Mirka stand irgendwo zwischen Reihe C und D und suchte ihn, und Schnappnot, barfuß, ein Bein noch in der Hose, dachte an die vier Monate Funkstille dazwischen, an den Geburtstag, an den er nicht gedacht hatte. Vier Monate, überschaubar, fand er. Andere schaffen Jahre.
Sagen konnte er nichts. Der Satz, den er brauchte, hatte keinen Anfang, jedenfalls keinen, der nicht sofort nach Ausrede geklungen hätte. Also gab er die einzige Auskunft ab, die ihm gehorchte: er summte, dann sang er, halblaut, ein paar Silben gegen die Kabinentür, und der geflieste Raum warf sie ihm doppelt zurück, als stünde jemand mit.
Unter der Tür lief ihm derweil eine Pfütze davon, quer über den Boden, bis vor ihre Füße.
Die Schritte hielten an. Er hörte sie lachen. Dann sagte sie: „Bleib ruhig noch drin. Ich setz mich hier auf die Bank."

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Vier Stunden Streit im Treppenhaus um eine Mülltonnenordnung, davor ein ganzer Tag Presslufthammer vor dem Fenster. Als die beiden Nachbarn ihn schließlich zum Schiedsrichter machen wollten, hob Schnappnot nur die Hand, ging nach oben und schloss die Wohnungstür. Seine Nerven trugen an diesem Abend kein weiteres höfliches Wort mehr.
Auf dem Balkon baute er sich in Ruhe die Bong, ließ einen trägen Beat so laut laufen, dass der Bass im Brustkorb saß, und nahm einen einzigen tiefen Zug. Das Wasser gluckerte dabei so dick und albern, dass es fast schon ein Instrument war. Und genau in dieser Sekunde hörte der Druck hinter der Stirn auf zu drücken.
Er lehnte sich zurück, blies eine kleine Wolke nach links, eine zweite nach rechts, und schaute dem Ärger von vorhin beim Wegziehen zu. Dabei hörte er sich selbst einen dämlich genüsslichen Laut machen. Zweimal, weil es so gut passte.
Kein Schiedsspruch, kein Sieg, kein Beifall: Er nahm das Gluckern, den Laut und den Beat genau in dieser Reihenfolge auf. Mehr wollte der Abend nicht von ihm.

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Wie genau hatte Großtante Meta gelacht, kurz bevor ihr die Wimperntusche den Hals runterlief?
Schnappnot suchte das seit acht Uhr, seit ein Anruf ihn sehr korrekt aufgefordert hatte, die Sache endlich mit dem nötigen Ernst zu behandeln. Aus Trotz: Kühlschranktür auf, Zimtglas geöffnet, Bass leise, drei Runden Küche im Rückwärtsgang. Die Erinnerung blieb weg.
Um Viertel nach elf klingelte der Ableser, ein fremder Mann mit Klemmbrett und Regenjacke, der zum Wasserzähler ins Bad musste. Zwischen Waschmaschine und Wanne kniete er sich hin.
Und dort, weil Schnappnot es nicht länger aushielt, machte er das alte Familienritual: Stirn an Stirn, bis drei zählen, wer zuerst zuckt, hat verloren. Der Mann mit dem Klemmbrett zählte tatsächlich mit.
Bei zwei brach er weg, mit genau diesem hohen Quietschen, Metas Quietschen. Beiden lief es warm über die Wangen, salzig, bis in die Mundwinkel, und die Tropfen fielen aufs Emaille.
Tock. Tock. Tock.

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Der Wecker hatte längst aufgegeben, als Schnappnot barfuß in die Küche schlurfte und die Maschine anwarf. Die Sonne stand schon voll im Fenster, im Flur schloss jemand eine Tür, und er nuschelte einen norddeutschen Gruß hinaus, der ihm auf halber Silbe wegrutschte und zweimal von vorn anfing, weil der Mund noch nicht wach war.
Das amüsierte ihn so, dass er ihn wiederholte — und merkte, dass er ihn inzwischen auf das Gluckern der Maschine legte. Sein Fuß klopfte auf den Fliesen mit. Beim ersten Schluck wurde aus dem Klopfen ein Wippen, aus dem Wippen etwas, das nur in seinem Kopf lief, und die Trägheit, die ihn eben noch im Bett gehalten hatte, war plötzlich der Takt selbst.
Auf dem Balkon nebenan wollte jemand verschlafen wissen, was hier eigentlich los sei. Schnappnot hob die Tasse und antwortete nicht.
Er nahm das Nuscheln noch am selben Vormittag auf, mit dem Schlürfen darin, und baute alles darum herum: die Ansage, dass heute nichts geleistet wird, und die Bedingung, dass vorher die Tasse leer sein muss. Herausgeschnitten wurde nichts.

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Zweiundzwanzig Uhr zehn war das Lied fertig, gespielt auf dem Balkon gegen das Rauschen der Straße, Refrain zweimal, dann noch einmal leiser.
Eine Stunde davor hatte er noch am zweiten Vers geschoben, während aus den offenen Fenstern ringsum die Belege dafür hereinwehten: einer suchte seit zwanzig Minuten die Fernbedienung, einer ließ sich ein Kissen bringen, einer hustete so ausführlich, dass man an eine Abschiedsrede dachte.
Davor, am Nachmittag: vier Stunden, siebzehn Schrauben und ein Hochbeet, das am Ende weniger Erde fasste als die Obstkiste, die vorher dort gestanden hatte.
Und ganz am Anfang lag Schnappnot im Liegestuhl, Hals kratzig, Atmung etwas zu vernehmlich, als von unten aus dem Garten eine Frauenstimme kam, sachlich wie eine Durchsage: „Männer, oh Männer." Zwei Balkone weiter lachte jemand kurz. Er hielt dagegen, laut, mit einer Liste seiner Verdienste, und merkte mitten im dritten Punkt, dass er grinste.
Ob unten das Fenster noch offen stand, als er die erste Zeile ausprobierte, hat er nicht nachgesehen.

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Die Frau hinter der Imbisstheke quittierte jede Bestellung mit einem freundlichen „Okidoki", gleichmäßig, ohne jede Betonung. Schnappnot hatte Nummer dreiundsechzig, die Anzeige stand auf einundvierzig, und sie dachte nicht daran, sich zu bewegen. Um ihn herum drängte das ganze Straßenfest: Blechmusik vom anderen Ende des Platzes, Kinderwagen, Bierbecher, ein Hund, der einen Luftballon jagte.
Auf demselben Pflaster hatte er vor vielen Jahren zwischen Leuten gestanden, die er längst aus den Augen verloren hatte. Das tat nicht weh. Es war nur da, wie das Fett in der Luft.
Als die Gasflasche unter der Fritteuse anfing zu zischen und die halbe Schlange einen Schritt zurückwich, sagte die Frau nur wieder ihr „Okidoki", drehte den Regler zu und fragte den Nächsten nach Zwiebeln.
Da hörte Schnappnot es plötzlich als Takt. Bestellung, Okidoki, Bestellung, Okidoki. Bei Nummer neunundfünfzig wippte seine Schuhspitze mit, bei zweiundsechzig summte er.
Er nahm die Tüte, hob die Hand und schlenderte quer über den Platz davon.

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Der freie Samstagnachmittag fängt damit an, dass die Spülmaschine seit gestern randvoll dasteht. Schnappnot dreht lieber den Bass hoch, setzt sich auf die Bank vor der Anlage und wippt mit. Der Hund baut sich an der Tür auf und schaut ihn auffordernd an, der Müllbeutel quillt über, der Kaffee ist längst kalt, die Rechnung hängt seit Tagen am Kühlschrank. Auf jede Erinnerung seiner Freundin antwortet er reflexartig mit demselben wegwerfenden Wort und einem Versprechen für gleich nachher.
Als sie ihm halb genervt, halb lachend bescheinigt, er sei nicht mehr ganz richtig im Kopf, grinst er breiter und lacht übertrieben böse dazu. Der Vorwurf gefällt ihm besser als jede Verteidigung.
Dann ruft sie aus der Küche, der Vorrat sei aufgebraucht. Er springt auf und protestiert lautstark, und dabei hört er sich selbst zu: den ganzen Nachmittag dieselbe Abfuhr, und ausgerechnet jetzt trägt sie nicht.
Abends baut er die Reihung nach, jede Forderung mit wechselndem Nachsatz weggeschoben, die Pointe ganz zum Schluss. Weil ihm beim Einsingen die erste Silbe hängenbleibt, macht er das Stottern kurzerhand zum Takt.

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Der Stuhl ganz außen in der zweiten Reihe hatte ein zu kurzes Bein und knackte bei jeder Bewegung wie ein mürber Ast.
Schnappnot hatte den Verstärkerkoffer drei Treppen hochgetragen, weil der Aufzug abgeklebt war. Seine Waden brannten, der Puls schlug ihm bis hinter die Augen. Neben ihm eine Frau weit über achtzig, Handtasche auf den Knien, daneben ein Prospektständer, dessen oberstes Faltblatt ein einziges fettes Wort trug: Stress.
Beim ersten Sprung der Anzeige deutete sie auf drei heile Stühle. Er blieb sitzen. „Oje, oje", sagte sie.
Beim zweiten Sprung brachte ein Mitarbeiter einen Ersatzstuhl herüber. Schnappnot bedankte sich höflich und rührte sich keinen Zentimeter. „Oje, oje", sagte sie, deutlich lauter.
Beim dritten Sprung knackte das kurze Bein genau auf seinem Puls, und weil ihm ohnehin alles zu schwer war, wiegte er sich einfach mit. Die Frau hörte zwei Takte lang zu. Dann klopfte sie den Rest mit dem Taschenbügel dazu, und ihr drittes „Oje, oje" saß sauber auf der Eins.
Vor der Glastür drehte sich ein leerer Einkaufswagen einmal langsam um sich selbst.
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